Perspektivwechsel auf Irisch

Dr. Anett Wolgast
Dr. Anett Wolgast

Manchmal wird Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorgeworfen, die Anbindung an die Praxis aus den Augen zu verlieren. Wir können hier nicht die gesamte Wissenschaft verteidigen, möchten aber an dieser Stelle exemplarisch unsere Mitarbeiterin Dr. Anett Wolgast vorstellen: Wolgast ist in der Abteilung Bildungsqualität und Evaluation tätig und arbeitet dort aktuell unter anderem am Projekt StEG – Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen mit. Für ein zukünftiges Projekt plant sie eine Grundlage für ein Trainingsprogramm, das Lehramtsstudierenden und Lehrkräften dabei helfen kann, zwischen ihren eigenen Zielen, Werten und Bedürfnissen und denen von Kindern zu unterscheiden. Diese Unterscheidung dient der bedürfnisorientierten Förderung von Kindern. Der Weg dorthin führte sie zu einer Zwischenstation nach Irland.

Das Arbeitsfeld von Anett Wolgast liegt im Bereich Bildungspsychologie zwischen Lehren, Lernen und sozialem Verhalten; ihr Schwerpunkt ist die soziale Perspektivenkoordination. „In meiner Forschung geht es um das flexible Wechseln zwischen sozialen Perspektiven von Lehrenden, Schülerinnen und Schülern: Wie können sich beispielsweise Lehrkräfte die Sichtweise ihrer Schülerinnen und Schüler vorstellen, damit diese auch mit schwierigen Lernsituationen aktiv umgehen? Was ist für Schülerinnen und Schüler bedeutsam, damit sie sich die soziale Situation anderer in der Schule vorstellen? Im Vordergrund steht dabei der kognitive Vorgang, das Eindenken und Wechseln des Eindenkens gegenüber mehreren Personen. Zur Illustration: Wenn ein Schüler oder eine Schülerin verzweifelt ist, ist es wenig zielführend und eventuell sogar belastend, wenn die Lehrkraft mitfühlt und sich von Emotionen leiten lässt. Besser ist es, wenn die Lehrkraft die Situation erfasst und die Faktoren erkennt, die den Schüler zu lösungsorientierten Handlungen motivieren. Es geht um das flexible Wechseln zwischen der eigenen Sichtweise und alternativen Sichtweisen auf soziale Situationen. Deshalb spreche ich lieber von ‚perspective coordination‘ als von dem in der Literatur gebräuchlicheren ‚perspective-taking‘. Letzten Endes befasse ich mich damit, welchen Beitrag soziale Perspektivenkoordination für das Gelingen von Unterricht und Lernen in einer Gruppe leistet.“

Auf dem Gebiet sieht Wolgast noch viel Nachholbedarf. Ganz grundlegend in der Lehrerbildung für die Praxis: „Was mich bei schriftlich bearbeiteten Fallbeispielen zum Verhalten im Unterricht immer wieder überrascht hat: Lehramtsstudierende schreiben häufig über sich selbst. Beispielsweise fehlen in einem mehrseitigen Text über Unterrichtssituationen die Wörter ‚Schülerin‘ oder ‚Schüler‘.“ Aber auch in der Bildungsforschung wird „perspective coordination“ (respektive „perspective taking“) bisher wenig im Kontext von alltäglichen Lehr-Lernsituationen beachtet. Gerade in der deutschsprachigen Bildungsforschung ist es ein bisher wenig bearbeitetes Thema.

Auch ein Perspektivenwechsel: Die Universoty of Maynooth bietet andere Ansichten als das heimische DIPF.
Auch ein Perspektivenwechsel: Die University of Maynooth bietet andere Ansichten als das heimische DIPF in Frankfurt …
Wolgast Irisch
… und eine andere Sprache. Fotos: privat

Was also tun, wenn man ein Arbeitsfeld bestellen will, aber scheinbar fast allein auf weiter Flur steht? Reichliche Forschungsergebnisse fand Anett Wolgast in anderen Bereichen, z. B. in der Kognitions- und in der behavioristischen Psychologie. Bei ihrer Recherche tauchte ein Autorenname immer wieder auf: Yvonne Barnes-Holmes von der Maynooth University, etwas außerhalb von Dublin, Irland. „Dann habe ich zum Hörer gegriffen“, berichtet Wolgast: „Diese Art von Kontaktaufnahme fällt mir leicht, denn ich habe vor meiner Tätigkeit am DIPF über ein Jahr in einer Personalberatung gearbeitet. Nach einem kurzen Gespräch haben wir direkt einen Zeitraum vereinbart, in dem ich die Abteilung besuche.“ Auf eigenes Engagement und mit Unterstützung des DIPF organisierte Wolgast einen Forschungsaufenthalt in Irland. Das Ergebnis: Zahlreiche Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen über Irland und Deutschland hinaus, ein Manuskript für eine kollaborative Veröffentlichung in einer internationalen Fachzeitschrift und jede Menge Eindrücke von einem spannenden Land und einer anderen Forschungskultur.

Und wo bleibt nun die Praxis? Anett Wolgast hat ein klares Ziel, die Entwicklung des oben genannten Trainingsprogramms zur Förderung sozialer Perspektivenkoordination in Lehr-Lernsituationen. „Gerade die Inklusion stellt Lehrkräfte vor Herausforderungen, bei denen die Koordination sozialer Perspektiven ein Erfolgsfaktor sein kann. Ein auf Schülerinnen und Schüler abgestimmtes Training wäre übrigens auch für den Umgang der Kinder untereinander relevant.“ Wie hilfreich soziale Perspektivenkoordination im Alltag für alle Seiten sein kann, weiß sie aus eigener Erfahrung: Vor ihrer wissenschaftlichen Karriere hat sie eine Ausbildung als Krankenschwester absolviert, einige Jahre auf einer neurochirurgischen Intensivstation und nebenbei als Dozentin in der Krankenpflegeschule gearbeitet.

Weiterführende Informationen zur Bildungsforschung in Irland hat das Team von Bildung weltweit zusammengestellt. (te)

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