Was uns statistische Zwillinge über das Wohlbefinden von Schulkindern erzählen

Foto: Ermolaev Alexandr – fotolia

Scheinbar einfache Fragen – und komplexe Antworten. So ist es in der Wissenschaft häufig. Warum? Wir haben Bildungsforscher Dr. Marko Neumann von unserer Abteilung Struktur und Steuerung des Bildungswesens gebeten, uns anhand eines Beispiels zu erklären, wie ein Autorenteam folgende Frage wissenschaftlich beantwortet:

Hat die besuchte Schulform einen Einfluss auf das Wohlbefinden von Schulkindern nach dem Übertritt von der Grundschule?

Neumann: „Wir sind im Rahmen eines Dissertationsprojektes der Frage nachgegangen, ob die besuchte Schulform einen Einfluss auf das Wohlbefinden von Schulkindern hat. Eigentlich eine leicht zu beantwortende Frage, wie man meinen könnte. Aber: Wenn sich Kinder an einer bestimmten Schulform, also zum Beispiel an einem Gymnasium oder einer Gesamtschule, nach dem Übergang mehr oder weniger wohl fühlen – liegt das dann tatsächlich an der Schulform? Oder lassen sich Unterschiede im Wohlbefinden eher durch Merkmale der Kinder selbst erklären? Das wären z.B. ihr Wohlbefinden oder ihre schulischen Leistungen vor dem Übergang oder ihre familiärer Hintergrund. Noch komplexer wird die Sache, wenn man bedenkt, dass es nicht ganz leicht ist festzulegen, was ‚Wohlbefinden‘ eigentlich ist und wie man es ‚messen‘ kann. Entsprechend wichtig ist es, die Frage mit den geeigneten wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen und sich kritisch mit den erzielten Erkenntnissen auseinanderzusetzen, um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.

Was ist Wohlbefinden eigentlich und wie kann man es messen?

Wie sind wir vorgegangen? Um unsere Forschungsfrage wissenschaftlich beantworten zu können, benötigten wir zunächst einen ausreichend umfangreichen Datensatz, der die entsprechenden Wohlbefindensmerkmale der Kinder enthielt. Dafür konnten wir auf die BERLIN-Studie, die wir zusammen mit dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB Berlin) und dem Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN Kiel) durchführen, zurückgreifen. Die BERLIN-Studie begleitet die Berliner Schulstrukturreform, bei der die bislang bestehenden Haupt-, Real- und Gesamtschulen zur neu geschaffenen Integrierten Sekundarschule (ISS) zusammengefasst wurden. In Berlin gibt es jetzt nach der Grundschule also nur noch zwei Schulformen, das Gymnasium und die ISS. An der ISS können alle Abschlüsse einschließlich des Abiturs erworben werden.

Dr. Marko Neumann ist stellvertretender Leiter der Abteilung Struktur und Steuerung des Bildungswesens.
Dr. Marko Neumann ist stellvertretender Leiter der Abteilung Struktur und Steuerung des Bildungswesens.

Um Unterschiede in der Entwicklung des Wohlbefindens möglichst umfassend zu untersuchen, haben wir nicht nur eine einzelne, sondern fünf verschiedene Wohlbefindensfacetten betrachtet, die sowohl allgemeine als auch schulbezogene Aspekte umfassten: das Selbstwertgefühl (z.B. Grad der Zustimmung zur Aussage: ‚In der letzten Woche fand ich mich gut!‘), die Lebenszufriedenheit (‚Ich bin mit meinen Leben zufrieden‘), die Schulzufriedenheit (‚In unserer Schule fühle ich mich wohl.‘), die Leistungsangst (‚Wenn die Lehrerin/ der Lehrer eine Klassenarbeit ankündigt, habe ich Angst davor.‘) und schulbezogene psychosomatische Beschwerden (‚Manchmal bekomme ich Bauchschmerzen, wenn ich an die Schule denke.‘). Alle Wohlbefindensmerkmale wurden von den Schülerinnen und Schülern sowohl am Ende der Grundschulzeit (in Berlin in Klasse 6) als auch drei Monate nach dem Übergang an ihrer neuen Schule erfragt. Nur durch die mehrmalige Messung war es uns überhaupt möglich, Veränderungen im Wohlbefinden zu untersuchen.

In einem nächsten Schritt haben wir unsere Schülerstichprobe aufgeteilt in die beiden Gruppen, die nach der Grundschule entweder auf ein Gymnasium oder auf eine ISS übergegangen sind, und haben uns dann die Veränderungen in den Wohlbefindensmerkmalen angesehen. Dabei legten die Daten nahe, dass die Gymnasiasten zwar mit ihrer Schule zufriedener waren als bei der vorherigen Messung, in allen anderen Wohlbefindensmerkmalen aber ein Rückgang zu verzeichnen war. Bei den Schülerinnen und Schülern an der ISS traten keine oder sogar positive Veränderungen ein. Selbstwert und Schulzufriedenheit stiegen. Die Befunde deuteten damit zunächst auf günstigere Entwicklungsverläufe an den ISS hin. Damit war jedoch unsere Frage, ob dies tatsächlich auf die besuchte Schulform oder andere Merkmale der Schülerinnen und Schüler zurückzuführen ist, noch nicht beantwortet.

Wir haben in der Schülerschaft von Gymnasiasten und ISS-Schülern nach ‚statistischen Zwillingen‘ gesucht, die sich in möglichst vielen individuellen Merkmalen vor dem Übergang glichen.

Deshalb haben wir ein in der Bildungsforschung noch relativ neuartiges statistisches Verfahren angewendet – das sogenannte Propensity Score Matching (PSM). In gewisser Weise ähnelt das PSM der aus der Medizin bekannte Zwillingsforschung, bei der zum Beispiel untersucht wird, wie Einflüsse aus der Umwelt auf die Gesundheit von Menschen einwirken – bei gleicher genetischer Ausstattung. Etwas vereinfacht kann man sich unsere Methode so vorstellen, dass wir in der Schülerschaft von Gymnasiasten und ISS-Schülern nach ‚statistischen Zwillingen‘ gesucht haben, die sich in möglichst vielen individuellen Merkmalen vor dem Übergang glichen. Die herausgefilterten ‚Zwillingspärchen‘ unterschieden sich somit nur noch hinsichtlich der besuchten Schulform. Wenn also immer noch Unterschiede in der Entwicklung des Wohlbefindens zwischen den Gruppen feststellbar sein sollten, wäre dies ein starker Hinweis für den Einfluss der Schulform und die damit verbundenen Unterschiede in der Lernumwelt (z.B. mehr leistungsstarke Schüler und höhere Leistungsanforderungen am Gymnasium).

Und in der Tat: Auch bei den statistischen Zwillingen zeigte sich das gleiche Muster wie oben beschrieben, demzufolge die Entwicklung des Wohlbefindens für die Gymnasiasten im Mittel weniger günstig verlief. Dass die Schulzufriedenheit in beiden Schulformen stieg ist spannend und könnte unserer Meinung nach eine Art ‚Novitätseffekt‘ darstellen: Das heißt, die Kinder nahmen die neuen Eindrücke und die mit dem Übergang verbundene Aufbruchstimmung schulformübergreifend zunächst positiv auf.

Lehrkräfte stärker für derartige Prozesse beim Übergang sensibilisieren

Unsere Ergebnisse liefern somit wichtige Hinweise zur Bedeutung der schulischen Lernumwelt für die Entwicklung des Wohlbefindens und legen nahe, insbesondere an den Gymnasien nach Möglichkeiten zu suchen, die dem Abfall des Wohlbefindens entgegenwirken können. Auf jeden Fall sollte man Lehrkräfte an Gymnasien (aber natürlich auch an ISS) noch stärker für derartige Prozesse beim Übergang sensibilisieren. Aus anderen Arbeiten haben wir zudem Hinweise, dass die Bewältigung des Übergangs auf die weiterführende Schule zum Teil bereits durch die Antizipation des Wechsels in der Grundschule (eher als Herausforderung, eher als Bedrohung) mitbedingt zu werden scheint, so dass man hier bereits in der Grundschule ansetzen könnte, um die Schülerinnen und Schüler noch besser auf die Anpassungsprozesse während des Übergangs vorzubereiten. Für uns als Wissenschaftler wird es spannend sein zu beobachten, wie sich das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler weiter entwickelt, denn wir haben sie in der neunten Klasse erneut danach befragt.“

Die komplette Studie kann hier nachgelesen werden. (te)

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