Lokale (Micro)Services in der global vernetzten virtuellen Forschungswelt – die Frankfurter Forschungsbibliothek des DIPF

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Simon Rettelbach

Von Dr. Simon Rettelbach
„Nicht weniger als ein neues Wissenschaftsparadigma hat die Wissenschaftstheorie unter dem Schlagwort e-Science für „enhanced Science“ ausgerufen: Der Terminus steht für neue Arbeitstechniken, Werkzeuge und Kommunikationsplattformen in einer digitalen und ubiquitär – also allgegenwärtig – vernetzten Umwelt. Und tatsächlich haben sich Forschung und Wissenschaft unter diesen Voraussetzungen grundlegend verändert. Neue (und nicht mehr ganz so neue) Webtechnologien erleichtern die Kommunikation und Kollaboration der Forscherinnen und Forscher dramatisch. Sehen sich diese zudem noch der Bewegung der Open Science verpflichtet, bieten ihnen Webplattformen Möglichkeiten, auch ein breites Publikum außerhalb des Elfenbeinturms der Wissenschaft an ihren Erkenntnisgewinnen partizipieren zu lassen.

Welche Rolle aber spielt die Frankfurter Forschungsbibliothek als Instituts- und pädagogische Spezialbibliothek des DIPF in einer Welt, in der jede Publikation weltweit nur einen Klick entfernt ist, der Forschungsprozess zunehmend virtualisiert und Forschungsergebnisse tagesaktuell in die Welt gebloggt werden?

Die vermeintliche Leichtigkeit, mit der über Suchmaschinen auch wissenschaftliche Informationen aus dem Internet „ergooglet“ und rezipiert werden können, verleitet mitunter zu dem Fehlschluss, dass online zugängliche digitale Informationsträger immer gleichbedeutend sind mit ihrer freien Verfügbarkeit. Hinter dem „freien Zugriff“ auf E-Journals vom Arbeitsplatz der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus steht aber nicht selten eine Lizenzierung der Inhalte durch die Bibliothek.

„Stark veränderte rechtliche und wirtschaftliche Voraussetzungen“

Und diese muss in der schönen neuen digitalen Welt unter stark veränderten rechtlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen agieren: Allein die Tatsache, dass für E-Books nicht der auf 7 Prozent ermäßigte Mehrwertsteuersatz gilt, strapaziert das Erwerbungsbudget nicht unerheblich. Auch gelten E-Books im Sinne des Urheberrechts nicht als Bücher, sondern als Dateien. Das hat zur Folge, dass Bibliotheken sie nicht wie gedruckte Bücher erwerben und verleihen können, sie können sie nur lizenzieren. Und die Nutzungskonditionen dieser Bücherdateien (unterstützte Lesegeräte, Anzahl der Zugriffe, Menge der erlaubten Seitenausdrucke) werden – auch für Bibliotheken – von den Verlagen festgelegt. Ranga Yogeshwar beschreibt die aktuelle Situation pointiert: „Nie zuvor wurde das Wissen durch eine so scharfe kommerzielle Brille betrachtet und alle derzeitigen Konflikte beziehen sich auf Business Modelle, auf lukrative Rechte und auf kostenpflichtige Distributionsmodelle“.

Die klassische Aufgabe von Bibliotheken, Medien käuflich zu erwerben oder zu lizenzieren und dadurch ihren Nutzern zur Verfügung zu stellen, ist also auch im Zeitalter von e-Science ein zentrales Handlungsfeld. Die Komplexität und Unbeständigkeit der Geschäftsmodelle und Rechtsgrundlagen stellen dabei erhöhte Anforderungen an die Qualifikation des Bibliothekspersonals und setzt dessen  ständige Weiterbildung  voraus.

e-Science bietet den Forschenden aber nicht nur die Chance der weltweit vernetzten Kollaboration, der fast simultanen Teilhabe an neuen wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen und des ubiquitären Zugangs zu Informationen. Das online Vernetzte Umfeld verpflichtet auch zur Professionalisierung des eigenen Handelns in diesem Umfeld. Wer aus dem Überangebot an Informationen aus dem Netz nicht schnell und zielsicher die für ihn wirklich relevanten herausfiltert, läuft Gefahr, im Informationsdschungel zu viele Umwege zu nehmen und dabei wichtige Landmarken zu übersehen.

Wer nicht in den relevanten Netzwerken präsent ist, wer seinen „Forschungsoutput“ nicht gegenüber der Community, den geldgebenden Wissenschaftsorganisationen, der Forschungspolitik und, nicht zuletzt, der Öffentlichkeit über die digitalen Kommunikationskanäle  darstellt, läuft Gefahr, im Halbdunkel des Offlineschattens übersehen zu werden.

„Wichtiger Schritt in Richtung Open Science“

Die Frankfurter Forschungsbibliothek unterstützt die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am DIPF mit einer ganzen Reihe an Services und wird ihr Portfolio zukünftig mit weiteren forschungsunterstützenden Dienstleistungen ausbauen. So findet in Schulungen und Beratungen ein Austausch mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über die effiziente Nutzung von Werkzeugen und Methoden zur Suche, Beschaffung, Organisation und Nutzung von Literatur statt. Mit dem institutionellen Open-Access-Repository DIPFdocs arbeitet die Bibliothek daran, für alle Publikationen des Instituts flächendeckend das zum Jahresbeginn 2014 eingeführte unabdingbare Zweitveröffentlichungsrecht umzusetzen, das es erlaubt, nach einer Embargofrist von 12 Monaten Publikationen aus Zeitschriften auf einem institutseigenen Server frei im Netz verfügbar zu machen. Ein wichtiger Schritt in Richtung Open Science.

Researchgate, eine soziale Onlineplattform für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zurzeit nach dem Vorbild Facebooks versucht, eine Monopolstellung unter den Wissenschaftsnetzwerken zu erlangen, wird auch zunehmend von Forschenden des DIPF genutzt. Wer betreibt aber diese Webplattform, mit welchen finanziellen Interessen? Was geschieht mit den Daten, die dort eingestellt werden? Dürfen Forscherinnen und Forscher dort einfach ihre Artikel aus Journals hochladen – und so 8 Millionen Mitgliedern des Netzwerks freien Zugriff darauf geben? Fragestellungen, mit denen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bibliothek als Informationsspezialisten auseinandersetzen, um zum Beispiel Best Practice-Handreichungen für das DIPF zu entwickeln.

„Näher an der täglichen Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“

Mit ihrer neuen Rolle im Umfeld der e-Science rückt die Frankfurter Forschungsbibliothek ein Stück näher an die tägliche Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts heran. Der global vernetzten virtuellen Forschungswelt stellt sie lokale (Micro)services gegenüber, die es den Forschenden am DIPF ermöglichen, sich weiterhin auf das Wesentliche konzentrieren zu können – das Forschen.“

Neben der Frankfurter Forschungsbibliothek betreibt das DIPF auch die Frankfurter Lehrerbücherei. Lesen Sie mehr über dieses Angebot für die Bildungspraxis in dem Blogeitrag von Angelina Gandak.

Der Autor

Dr. Simon Rettelbach ist Leiter der Frankfurter Forschungsbibliothek. Sie ist die Institutsbibliothek des DIPF und für die wissenschaftliche Literatur- und Informationsversorgung der Beschäftigten verantwortlich, zugleich steht sie als eine der größten pädagogischen Spezialbibliotheken im deutschsprachigen Raum auch externen Nutzerinnen und Nutzern offen. Kontakt: rettelbach@dipf.de

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