Entwicklungsverläufe von Kindern verstehen – Bildungsforschung am Frankfurter IDeA-Zentrum

Dr. Ulrike Hartmann
Foto: Andrea Herzog

Dr. Ulrike Hartmann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bildungsforschung in der School of Education der Bergischen Universität Wuppertal. Bis 2016 hat sie am DIPF die Koordination des IDeA-Zentrums geleitet. Das Center for Research on Individual Development and Adaptive Education of Children at Risk ist ein interdisziplinäres wissenschaftliches Zentrum zur Erforschung der Lernprozesse von Kindern, deren Bildungserfolg gefährdet ist. Ziel ist es, die Erkenntnisse zu generieren, die zur Verbesserung individueller Lernchancen beitragen können. Nun ist ein Sammelband mit den Ergebnissen ausgewählter Forschungsprojekte aus den ersten sechs Jahren des IDeA-Zentrums im Kohlhammer Verlag erschienen. Im Interview erläutert Mitherausgeberin Hartmann die Zielsetzung von IDeA, gibt einen Vorgeschmack auf die Inhalte des Buches und verrät uns, wie lange es dauert, bis aus den Beiträgen von über 60 Personen ein Sammelband wird.


Frau Hartmann, was ist das IDeA-Zentrum und welche Forschungsschwerpunkte gibt es dort?
IDeA ist ein interdisziplinäres wissenschaftliches Zentrum, das wir 2008 am DIPF gemeinsam mit der Goethe-Universität Frankfurt und dem Sigmund-Freud-Institut gegründet haben. Es war eines der ersten Zentren, die im Rahmen der hessischen „Landes-Offensive zur Entwicklung wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz“ (LOEWE) eingerichtet wurden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am IDeA-Zentrum kommen aus vielen verschiedenen Disziplinen, wie der Psychologie, der Neurowissenschaften oder auch den verschiedenen Fachdidaktiken. Sie betrachten die ersten zwölf Lebensjahre von Kindern, also die Entwicklung bis zum Eintritt ins Jugendalter, und untersuchen, welche bildungsrelevanten Faktoren und welche Risiken es in dieser Zeit gibt, die mitbestimmen, wie der weitere Bildungsweg von Kindern verläuft. Das tun sie mit ganz unterschiedlichen Methoden, von Befragungen über Verhaltensbeobachtungen bis hin zu neuropsychologischen Verfahren wie Hirnstrommessungen. Seit 2014 ist IDeA am DIPF verstetigt, DIPF-Direktor Prof. Marcus Hasselhorn ist der Sprecher des Zentrums.

Das Buch „Entwicklungsverläufe verstehen – Kinder mit Bildungsrisiken wirksam fördern“ zieht nun eine Zwischenbilanz der ersten sechs Jahre des IDeA-Zentrums. Wie wählt man da aus, welche Projekte und Ergebnisse man vorstellt – und welche nicht?
Das war natürlich nicht ganz einfach – als wir die Idee zum Buch entwickelt haben, hatten wir parallel rund 40 Forschungsprojekte. Meinen Mitherausgebern Marcus Hasselhorn und Andreas Gold und mir war es wichtig, das breite methodische und disziplinäre Spektrum zeigen zu können, das es bei IDeA gibt. Die Arbeit am Zentrum konzentriert sich auf drei Schwerpunkte – Individuelle Entwicklung, Adaptive Bildungskontexte und Professionalisierung. Am IDeA-Zentrum besteht die Möglichkeit Entwicklungsverläufe über längere Zeiträume hinweg zu betrachten und so besser zu verstehen. Neben diesen Längsschnittstudien gibt es außerdem viele experimentelle Studien, bei denen wir spezifische Fragen in Bezug auf die Bildungskontexte klären konnten, in denen Entwicklungsverläufe stattfinden, etwa unter welchen Bedingungen welche Fördermaßnahmen wirksam sind. Und dann werden im Schwerpunkt Professionalisierung die Fähigkeiten und Kompetenzen von pädagogischen Fachkräften sowie ihre Einstellungen zum Umgang mit Bildungsrisiken erforscht, auch das wollten wir in dem Sammelband mit abdecken.

„Uns geht es um die Entwicklungsverläufe und Potenziale, die daraus entstehen.“

Der erste Abschnitt des Buches beschäftigt sich mit „bildungsrelevanten Risiken“. Warum spielt die Betrachtung von Risiken so eine wichtige Rolle in den Forschungsprojekten des Zentrums?
Die Forschungsteams am IDeA-Zentrum beschäftigen sich mit solchen Faktoren, die sich als risikobehaftet gezeigt haben, wenn es um die Bildungserfolge von Kindern geht. Das sind nicht nur kognitive Bildungsrisiken wie etwa eine Lese-Rechtschreib-Schwäche, sondern ebenso soziale und kulturelle Faktoren wie zum Beispiel der sozioökonomische Hintergrund von Kindern, wo es eben leider oftmals einen negativen Zusammenhang zum späteren Bildungserfolg gibt. Im Buch gibt es einen Beitrag von Marcus Hasselhorn und anderen dazu, welche Arten von Bildungsrisiken man betrachten kann und wie diese miteinander interagieren – uns ist wichtig, ein sehr breites Verständnis von Bildungsrisiken zu haben. Dabei geht es nicht darum, diese Risiken nur zu identifizieren und vor ihnen zu warnen, sondern darum, aufzuzeigen, an welchen Stellen sich Eingriffsmöglichkeiten bieten, und deutlich zu machen, dass man mit guten und evidenzbasierten Fördermaßnahmen sehr viel erreichen kann. Gerade die Ergebnisse, die wir durch die psychoanalytischen Untersuchungen der Bindungsfähigkeit von Kindern am Sigmund-Freud-Institut kennen, stimmen uns da sehr hoffnungsvoll. Uns geht es um die Entwicklungsverläufe der Kinder und die Potenziale, die daraus entstehen, nicht darum, zu sagen „einmal Risiko, immer Risiko“.

Neben den Kapiteln, in denen IDeA-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die verschiedenen Projekte vorstellen, gibt es auch einige einordnende Beiträge von externen Wissenschaftlern/-innen …
Ja, das hat uns sehr gefreut, dass wir auch sechs Expertinnen und Experten dafür gewinnen konnten, die einzelnen Buchabschnitte zu kommentieren. Diese Außenperspektive war uns sehr wichtig, um sicherzustellen, dass die Ergebnisse auch gut nachvollziehbar sind. Insgesamt waren es mit ihnen übrigens über 60 Autorinnen und Autoren, die zu dem Buch beigetragen haben. Vor diesem Hintergrund erscheint der Entstehungszeitraum des Buches – den ersten Konzeptentwurf habe ich 2014 geschrieben – auch gar nicht so lang.

„ Man soll sich in den einzelnen Kapiteln nicht erst durch viel Statistik kämpfen müssen.“

An wen richtet sich der Band denn?
Wir haben von Anfang an das Ziel verfolgt, dass dieses Buch auch für Bildungspraktikerinnen und -praktiker und nicht nur für ein wissenschaftliches Publikum interessant sein soll. Für uns war eine gute Verständlichkeit wirklich sehr wichtig, sowohl was die Sprache als auch eine nachvollziehbare Gliederung anbelangt. Es lohnt sich deshalb auch die Einleitung zu lesen, die das Buch vorstrukturiert und in der einige grundlegende methodische und statistische Aspekte erläutert werden. Man soll sich in den einzelnen Kapiteln nicht erst durch viel Statistik kämpfen müssen, bis man zum Kern der Aussage kommt. Und es musste aus unserer Sicht Verbindungen zur eigenen Praxis unserer potenziellen Leserinnen und Leser geben. Aus diesem Grund gibt es zu Beginn der einzelnen Kapitel auch immer einen Ausblick und am Ende ein Fazit mit möglichen Implikationen für die praktische Arbeit. Übrigens haben wir auch ein Kapitel der Frage gewidmet, wie der Transfer von wissenschaftlichen Ergebnissen wie sie am IDeA-Zentrum entstehen in die Praxis aussieht oder aussehen sollte. Genau das versuchen wir schließlich mit dem Buch, die Wissenschaft für die Praxis nutzbar zu machen. Gleichzeitig hält das Buch aber auch für Personen aus der Wissenschaft neue Erkenntnisse bereit.

Gibt es in dem Buch denn Erkenntnisse, die vielleicht sowohl für Leserinnen und Leser aus der Wissenschaft als auch aus der Praxis überraschend sind?
Der Mehrwert, den die wissenschaftliche Forschung generell und am IDeA-Zentrum bietet ist aus meiner Sicht, dass sie einen übergeordneten Blick auf die Prozesse in der Praxis werfen kann. Dabei geht es nicht darum, diese Prozesse ganz grundlegend in Frage zu stellen, sondern sie mit einem gewissen Abstand zu reflektieren und dann zu schauen, wo die Forschung vielleicht Stellschrauben identifizieren und Anstöße liefern kann, wie sich an diesen drehen ließe. Im Projekt Bärenstark zum Beispiel ging es dem IDeA-Forschungsteam darum, einen besseren Überblick zu erhalten, wie viele Kinder mit durchschnittlicher Intelligenz in Deutschland Lernstörungen haben. Das Ergebnis: Rund 13 Prozent sind zur Mitte der Grundschulzeit von einer diagnostizierbaren Lernstörung betroffen. In einer normal großen Grundschulklasse sind damit durchschnittlich 2 bis 3 Kinder von massiven Problemen im Lesen und Schreiben und/oder Rechnen konfrontiert, und das, obwohl die Intelligenz der Kinder eigentlich deutlich bessere Leistungen erwarten ließe. In seiner Massivität war dieser Befund für uns durchaus überraschend. Durch die Forschung von IDeA wissen wir darüber nun etwas besser Bescheid und das kann Lehrkräften in der Grundschule wiederum helfen, anders damit umzugehen.

Interview: Stephanie Pauly

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