Martin Luther, Pionier der modernen Pädagogik?

Luther im Kreise seiner Familie

Im Reformationsjahr 2017 begegnet er uns überall: Martin Luther. Die evangelische Kirche feiert das 500. Jubiläum der Veröffentlichung seiner 95 Thesen, zahlreiche Prominente – von Jürgen Klopp bis Gundula Gause – engagieren sich als „Reformbotschafter/-innen“ und über die Bedeutung des einflussreichen Reformators auf unser heutiges Leben wird rege diskutiert. Auch die historische Bildungsforschung hat anlässlich des Jubiläums den Einfluss Martin Luthers und der Reformation auf die Schul- und Erziehungsgeschichte in den Blick genommen. Die spannende Frage: War Martin Luther ein Vorkämpfer von Aufklärung und Modernisierung im Schulwesen? Dr. Joachim Scholz, Leiter des Forschungsbereichs in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) am DIPF, hat sich den Stand der Forschung für einen Gastbeitrag im DIPFblog genau angeschaut.

Von Dr. Joachim Scholz

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Dr. Joachim Scholz verantwortet den Forschungsbereich in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung. Aufgabe der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dort ist es, die Wissens- und Institutionalisierungsformen historisch zu betrachten, etwa im Bereich von Schule und Unterricht oder in Hinblick auf die pädagogischen Professionen.

War Martin Luther der Vater der modernen Schule, die sich im 19. Jahrhundert dann voll entfaltete? Ein Blick auf den Stand der Forschung gibt hierzu nicht zweifelsfrei Auskunft. Nachdem die Werke „großer Männer“ – darunter auch Luther – in der Betrachtung der Schulgeschichte in den letzten Jahrzehnten eine geringere Rolle spielten, haben Bildungshistorikerinnen und -historiker in neueren Arbeiten wieder auf die Bedeutung Martin Luthers für die Pädagogik der Moderne hingewiesen.

Nicht nur auf seine Rolle als Beförderer von Schulgründungen und damit auf seine Bedeutung für die Errichtung des protestantischen Schulwesens wird hingewiesen. Der Reformator habe zum Beispiel bereits ein Verständnis von Kindheit als eigener Lebensphase besessen und kindliche Eigenarten, besonders das Spielen, wertgeschätzt. Hervorgehoben wird auch der von Luther erkannte Eigenwert von Bildung und sein tendenziell demokratisches Allgemeinbildungsdenken, das Standesschranken überschritt, beide Geschlechter einschloss und dem bereits eine „Theorie der Bildsamkeit“ (Henning Schluss) inhärent gewesen sei. Mit seinen Vorschlägen zur Gestaltung der Katechismusprüfungen und der Klassenübergänge (zu seiner Zeit: Haufenübergänge) habe Luther das schulische Leistungsprinzip zur Geltung gebracht, wohingegen Luthers Schulkritik bereits an die Reformpädagogik des 20. Jahrhunderts erinnere – insbesondere dort, wo er sie durch Beschreibungen der eigenen leidlichen Schulerfahrung illustrierte. Luthers berühmte Schrift „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ von 1524 wird als früher Appell für eine kommunale öffentliche Schulträgerschaft gedeutet. Und schließlich käme Luther, indem er neben geistlichen auch weltliche Dimensionen anerkannte (Zwei-Reiche-Lehre) und „Erziehung der weltlichen Vernunft unterstellt“ (Friedrich Schweitzer) habe, ein Verdienst für die Entwicklung der Pädagogik als Wissenschaft zu.

An die Ratsherren
Martin Luthers „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“, 1524

Obwohl es also Hinweise auf Überschneidungen mit den Vorstellungen der modernen Schule gibt, wird die Figur Martin Luthers möglicherweise überinterpretiert. So ist es etwa vor dem Hintergrund von Forschungen, die in der BBF zur Geschichte des Leistungsprinzips angestellt werden, überaus fraglich, ob ein Terminus wie „Leistung“ bereits auf das ausgehende Mittelalter zu beziehen ist. Von der Fürsprache, mit der Luther die „tüchtigen und geschickten“ Schülerinnen und Schüler bedachte, bis zur Implementierung von Leistung als schulisches Allokationsprinzip war es noch ein sehr weiter Weg. Auch geht es sicher zu weit, die relativ wenigen Gedanken und Bemerkungen des Reformators zur Schulorganisation bereits als eine konsistente pädagogische Theorie zu bezeichnen. Nicht zuletzt darf die andere, die klar vormoderne Seite Luthers nicht übersehen werden. Erst Jean Jacques Rousseau war es bekanntlich, der das Kind von der Erbsünde freisprach – für Luther stand sie noch außer Zweifel. Viele irrationale Elemente seines Denkens färbten auf seine Vorstellungen von der Erziehung und der Schuleinrichtung ab: Deren ersten Sinn sah der Reformator noch darin, dass dem Teufel durch Unterricht ein Schaden entstehe.

„Ob Luthers pädagogische Ideen Schulreformprozesse inspiriert haben, ist ein interessantes Forschungsfeld“

Soweit die Betrachtung aus heutiger Sicht. Auf einem ganz anderen Blatt stehen im Zusammenhang der Frage nach der Modernität Martin Luthers jedoch Befunde aus der Rezeptionsgeschichte. Ob und inwiefern Luthers pädagogische Ideen in späteren Phasen der Schulgeschichte anregend waren, von wem sie aufgegriffen wurden und auf welche Weise sie etwa Schulreformprozesse inspiriert haben, ist ein interessantes Forschungsfeld. Unternimmt man einen gedanklichen Zeitsprung in das 300. Jubiläumsjahr 1817, öffnet sich noch eine neue Perspektive hinsichtlich des Verhältnisses Martin Luthers zur Geschichte der Schule. Die Schulwelt befand sich zur damaligen Zeit mitten in der als „Sattelzeit“ bezeichneten Übergangsphase zu modernen Verhältnissen. Im preußischen Volksschulwesen waren die turbulenten Reformjahre noch nicht vergangen, die nach der Niederlage gegen Napoleon deutliche Fortschritte in der Lehrerbildung sowie Verbesserungen der gesamten Organisation der Volksschule und vor allem die breite Anerkennung ihrer Bedeutung für die Bildung der Nation gebracht hatten. Mit den neuen Verwaltungsinitiativen erhielten Angehörige eines pädagogisch inspirierten Milieus exklusive Zuständigkeit im Schulwesen und ließen dort ein „pädagogisches Establishment“ (Tenorth) entstehen. In aller Regel hatten die neuen Schulverwaltungsbeamten in den Provinzregierungen ihre Laufbahnen als Geistliche begonnen.

Aus den Reihen dieser Schulmänner kamen die Impulse, an Martin Luther in pädagogischer Absicht zu erinnern. So verfasste der pommersche Schulrat Ernst Bernhardt (1782–1831) anlässlich des 300. Reformationsjubiläums den Band „Aus Luther‘s Leben und Schriften“ (1817), der, wie es damals typisch war, Luthers Lebensweg in erzählendem, anekdotischem und belehrendem Stil darstellte. Bildungshistorisch bemerkenswert ist das Buch, weil es für die Hand des Lehrers und den Einsatz im Religionsunterricht der Volksschule bestimmt war. Man kann die schulisch-pädagogische Zwecksetzung bereits an den Kapitelüberschriften ablesen: 9 von 58 Abschnitten beziehen sich ganz explizit auf Luther als Pädagogen, zum Beispiel „Wie Luther mit seinen Kindern umgehet“, „Wie er sein Söhnlein Hänschen ziehet“ oder „Wie ernstlich er ermahnet und bittet, daß man die Kinder soll zur Schule halten.“

Auch Leben und Werk des westfälischen Predigers und späteren Schul- und Oberkonsistorialrats der Kurmark Brandenburg Ludwig Natorp (1774–1846) zeugen vom Einfluss Luthers. Über viele Jahre hinweg führte er einen sogenannten „Immerwährenden Kalender“, in den er persönliche Ereignisse ebenso wie Gedenktage, insbesondere solche aus der Geschichte der Pädagogik, eintrug. Unter ihnen nimmt eine Vielzahl von Ereignissen aus dem Leben Martin Luthers den größten Raum ein. Dieser Kalender wird in Natorps Lehrerbildungsklassiker, dem „Briefwechsel einiger Schullehrer und Schulfreunde“ (drei Bände, 1811–1816), „Schulmeisteralmanach“ genannt und als ein Instrument zur autodidaktischen Bildung und beruflichen Selbstvergewisserung des Lehrers vorgestellt. „Er ist für mich eine Nachweise und zum Theil auch ein Repertorium des Wichtigsten, was ich über meine Amtsangelegenheiten gedacht, gehört, gelesen und erfahren habe“, lässt Natorp einen fiktiven Briefeschreiber, den Lehrer Schneider aus Trinkenthal, sagen.[1]

Natorps Immerwährender Kalender
Eine Seite aus Ludwig Natorps „Immerwährendem Kalender“. Das Original befindet sich im Archiv der BBF.

In Natorps literarischer Beschreibung des Almanachs werden viele Volksschulpädagogen mit ihren Hauptverdiensten den Lehrern zur Beachtung empfohlen. Doch ausgerechnet Werkpassagen Martin Luthers sind es, die im Anhang des Kapitels exklusiv behandelt und im Zitat wiedergegeben werden. Nicht weniger als sechs Lutherbiografien und Luthers Schriften selbst will Lehrer Schneider zu Rate gezogen haben. Er schreibt, „Luthers Schriften sind meine Lieblingslectüre; ich lese an jedem Sonntage darin. Es stehen darin so viele lehrreiche, erweckliche und kräftige Stellen, welche sich auf das Schulwesen und auf die Behandlung der Jugend beziehen, daß man daraus einen vollständigen Schullehrer-Katechismus zusammensetzen und eine wahre Schulmeister-Schule bilden könnte.“[2] Elf kurze, inhaltlich unzusammenhängende Lutherzitate im Anhang heben dann noch anekdotisch dessen pädagogische Seite hervor.

„Mit Luther konnten basale, aber wesentliche Prämissen der preußischen Schulreform an der Schwelle des 19. Jahrhunderts knapp und einprägsam wiedergegeben werden.“

Diese ebenso häufig anzutreffende wie unspektakuläre und wenig spezifische Form des Lutherzitates ist bezeichnend für eine in erster Linie symbolische Rezeption, die mit einer geringen Reichweite und Tiefenschärfe der Lutherlektüre um 1800 korrespondiert. Zeitgenössische Autoren diskutierten wesentlich differenzierter über die verschiedenen Angelegenheiten des Volksschulwesens, als das mit Luther möglich war. Und doch konnten gerade mit Luther basale, aber wesentliche Prämissen der protestantischen Volksschulreformen an der Schwelle des 19. Jahrhunderts knapp und einprägsam wiedergegeben werden. Das zeigen besonders diejenigen Passagen, aus denen ersichtlich wird, dass eine zentrale Botschaft der Schulmännerpädagogik, dass nämlich der Wert eines guten Lehrers nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, von Luther bereits artikuliert worden war: „Und, wenn ich vom Predigtamt und anderen Sachen ablassen könnte oder müßte, so wollte ich kein Amt lieber haben, denn Schulmeister oder Knabenlehrer seyn. Denn ich weiß, daß dies Werk nächst dem Predigtamt das allernützlichst, größt und beste ist.“[3]

Solche „herzerhebenden“ Lutherzitate sollten Felder der angestrebten Schulverbesserungen popularisieren, die vorrangig zu bearbeiten waren. Tatsächlich ging es damals ­– wie sich aus vielen Quellen rekonstruieren lässt – um gewissenhafte Schulorganisation, die Durchsetzung der Schulpflicht, um die Aus- und Weiterbildung des Lehrerstandes und dessen Erhalt, von dem man sich besseren Unterricht und nicht zuletzt auch einen besseren Umgang der Lehrer mit den ihnen anvertrauten Kindern versprach. Das alles klang bereits bei Luther an und beim Versuch, Minimalkriterien einer guten Praxis unter den Schulmeistern zu verbreiten und auch zu plausibilisieren, ließ sich an ihn anknüpfen.

Ein Einfluss Luthers auf die Schulreformen im protestantischen Volksschulwesen war also durchaus vorhanden. Er sollte nicht übersehen, aber genauso wenig überschätzt werden. Luther taucht vornehmlich symbolisch und im Modus der Erinnerung auf, doch wurde er um 1800 eindeutig als Modernisierer gelesen und er galt als Mann des Fortschritts im Schulwesen. In dieser Rolle wurden er und sein Weggefährte Philipp Melanchthon (1479–1560) dann relativ dauerhaft zu „Schulhelden“ stilisiert, mit denen eine neue Zeit begann. Als Pionier der neu zu schreibenden Pädagogik der Moderne war Luther also vor 200 Jahren bereits Produkt einer Konstruktion, die aber, wie eingangs gezeigt, ohne Verkürzungen nicht funktionierte und vor der auch heute Vorsicht geboten ist. Dennoch kam die rückwärtige Deutung Luthers als Erneuerer, als Vorbild und Ideengeber für Schulverbesserungen nicht ganz von ungefähr. Dass diese Lesart ausgerechnet vor 200 Jahren aufscheint, als die Konstellation der schulischen Verhältnisse sich tatsächlich drastisch zu verändern begann, ist bemerkenswert. Und darin ist dann wohl auch der eigentliche Einsatzpunkt von Luthers Modernität zu sehen.

[1] Natorp, Bernhard Christoph Ludwig (1811): Briefwechsel einiger Schullehrer und Schulfreunde. 1. Band. Duisburg und Essen: Bädeker und Kürzel, S. 261.
[2] Ebd., S. 255 f.
[3]
Ebd., S. 264. Das Originalzitat in Martin Luther: Eine Predigt, daß man Kinder zur Schulen halten solle [1530]. In: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, 30. Bd., Teil II., Weimar 1967, S. 526.

Bildnachweis: Pictura Paedagogica Online

Titel Powerpoint

 

 

Powerpoint-Präsentation zum Einfluss Martin Luthers auf die Schule der Moderne, gehalten auf der Langen Nacht der Wissenschaften 2017

 

 

Weiterführende Lektüre:

  • Bernhardt, Ernst (1817): Aus Luther’s Leben und Schriften. Ein deutsches Volksbuch für das dritte Jubelfest der evangelischen Kirche. Berlin: Reimer.
  • Greiling, Werner, Böning, Holger & Schirmer, Uwe (Hrsg.) (2016): Luther als Vorkämpfer? Reformation, Volksaufklärung und Erinnerungskultur um 1800. Köln: Böhlau
  • Natorp, Bernhard Christoph Ludwig (1811): Briefwechsel einiger Schullehrer und Schulfreunde. 1. Band. Duisburg und Essen: Bädeker und Kürzel.
  • Schluß, Henning (2000): Martin Luther und die Pädagogik – Versuch einer Re-konstruktion. In: Vierteljahresschrift für Wissenschaftliche Pädagogik 3: S. 321–341.
  • Schweitzer, Friedrich (1996): Luther und die Geschichte der Bildung. Pflichtgemäße Reminiszenz oder notwendige Erinnerung?. In: Jahrbuch für Historische Bildungsforschung. Band 3, Weinheim und München: Juventa Verlag, S. 9–23.
  • Tenorth, Heinz-Elmar (2003): Schulmänner, Volkslehrer und Unterrichtsbeamte: Friedrich Adolph Diesterweg, Friedrich Wilhelm Dörpfeld, Friedrich Dittes. In: ders. (Hrsg.), Klassiker der Pädagogik. Erster Band. Von Erasmus bis Helene Lange , München: Verlag C.H. Beck, S. 224­–245.

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