Wenn Kinder wegweisende Lernfortschritte machen …

Dr. Jan-Henning Ehm ist Bildungsforscher und Habilitand am DIPF. Mit seiner Arbeit an Wie Kinder zwischen vier und acht Jahren lernen – Psychologische Erkenntnisse und Konsequenzen für die Praxis beteiligte er sich zum ersten Mal federführend an einem wissenschaftlichen Buchprojekt. Wir sprachen mit Dr. Ehm über die Lernmotivation von Kindern im Vorschulalter, verschiedene Ansätze zur Förderung ihrer Schulfähigkeit und über seine Mitarbeit als Erstautor an dem pädagogisch-psychologischen Lehrwerk.

Wie_Kinder_lernenHerr Dr. Ehm, wieso beschäftigen Sie sich in Ihrem ersten Buch mit den Lernfortschritten von Kindern zwischen vier und acht Jahren?

In diesem Altersbereich entwickeln sich Kinder in vielen Bereichen rasant und tiefgreifend. Es werden entscheidende Weichen für ihren späteren Bildungsverlauf gestellt. Gerade für Kinder, bei denen die Startvoraussetzungen weniger gut ausgeprägt sind, besteht in dieser Phase die Möglichkeit aufzuholen und so die Chancen zu verbessern. Dies gilt insbesondere für den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule, der ja einen Meilenstein in der kindlichen Entwicklung darstellt. Unterstützen wir Kinder bereits gezielt im Kindergarten, so verbessern wir dadurch ihre Chancen für einen gelingenden Schulstart.

Gibt es eine zentrale These, die Sie im Buch vertreten?

Nicht direkt „eine“, aber als zentral sehe ich es an, dass gezielte Förderung im Kindergarten für bestimmte Vorschulkinder notwendig und sinnvoll ist. Jedoch muss diese Förderung vor allem den kognitiven und motivationalen Fähigkeiten des Kindes entsprechen, das heißt vor allem spielerisch gestaltet sein. Die Förderung im Kindergarten soll nicht mit der Förderung in der Schule verwechselt werden. Der Schulunterricht darf also nicht in den Kindergarten vorverlegt werden!

Wann sollte man wie fördern?

Zunächst muss geklärt werden, ob überhaupt ein Entwicklungsrückstand vorliegt und ob dieser tatsächlich einer gezielten Förderung bedarf. Das ist nicht immer leicht zu beantworten. Wichtig ist daher meines Erachtens nach, dass ganz unterschiedliche Informationsquellen genutzt werden. Nicht leichter wird es bei der Frage, wie Kinder gefördert werden sollen. Hier scheiden sich manchmal die Geister und es werden oftmals gezielte Förderprogramme alltagsintegrierten Ansätzen gegenübergestellt – fälschlicherweise, wie ich finde.

Der Schulunterricht darf nicht in den Kindergarten vorverlegt werden!

Geben Sie doch einmal ein, zwei Beispiele für erfolgsversprechende Förderprogramme!

Das kommt ganz auf den Förderbereich an. Für den Bereich der intellektuellen Kompetenz halte ich das von Karl-Josef Klauer entwickelte Denktraining für besonders erfolgsversprechend. Es ist, wie die vielen Evaluationsstudien zeigen, nicht nur bereichsspezifisch wirksam, sondern zeigt auch Transfereffekte auf das schulische Lernen. Für den Bereich der schriftsprachlichen Vorläufer würde ich das sogenannte „Würzburger Förderprogramm“ von Wolfgang Schneider als vielversprechend bezeichnen. Es unterstützt die Ausprägung der phonologischen Bewusstheit, die eine der wesentlichen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schriftspracherwerb in der Schule ist. Allerdings ist die Langzeitwirkung des Förderprogramms sicher noch ausbaufähig. So ist eine wirklich nachhaltige Entwicklung nur dann zu erwarten, wenn die vorschulische Förderung in der Grundschule fortgeführt wird.

Gemäß Buchuntertitel werden auch „Psychologische Erkenntnisse und Konsequenzen für die Praxis“ vorgestellt. Welche Erkenntnisse halten Sie dabei für besonders wichtig?

Ich würde vor allem zwei Erkenntnisse der aktuellen Forschung herausgreifen: Die Erste gilt der großen Lernmotivation gerade eingeschulter Kinder. Stellte man zum Beispiel in einer ersten Klasse die Frage: „Wer ist der/die Beste?“, dann wird sich ein Großteil der Schülerinnen und Schüler melden und auf sich selbst zeigen. In diesem Alter haben also sehr viele Kinder eine überoptimistische Einschätzung ihres Könnens, der Fachterminus für solche Selbsteinschätzungen ist Selbstkonzept. Dieser Überoptimismus ist von großem Vorteil. Denn die hohe Ausprägung des Selbstkonzepts hängt wiederum damit zusammen, dass die Kinder in diesem Alter eine sehr große Lernfreude besitzen und sich gerne mit herausfordernden Themen auseinandersetzen. Diese Lernfreude und natürliche Neugier des Kindes gilt es für den Schulunterricht zu nutzen. Die zweite, nicht unbedingt neue Erkenntnis: Einige Kinder verfügen nicht über wesentliche, für die erfolgreiche Teilhabe am Schulanfangsunterricht erforderliche Voraussetzungen. Dies betrifft vor allem Voraussetzungen für den Schriftspracherwerb.

Das Thema „Schulbereitschaft“ wird in der Bildungsforschung zurzeit kontrovers diskutiert. Welchen Beitrag leistet das Buch zur Fachdebatte?

Es stimmt, dass Debatten zu Themen früher Bildung auch heute noch teilweise äußerst emotional geführt werden. In meinen Augen macht sich dies insbesondere an der Frage fest, ob und wenn ja, wie Kinder gefördert und auf die Schule vorbereitet werden sollen. In dem Begriff Schulbereitschaft drückt sich jedoch noch etwas anderes aus: Er betont, dass die individuellen Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder auch im Anfangsunterricht im Vordergrund stehen sollten. Kurz und bündig: Wir sollten also gemeinsam überlegen, wie Kinder bereit für die Schule und die Schulen bereit für die Kinder werden können. Ich hoffe mit dem Buch zu einer Versachlichung der aktuellen Diskussion zur Schulbereitschaft beitragen zu können.

„Die Kinder in diesem Alter besitzen eine sehr große Lernfreude und setzen sich gerne mit herausfordernden Themen auseinander. Diese Lernfreude und natürliche Neugier des Kindes gilt es für den Schulunterricht zu nutzen.“

Was unterscheidet die Arbeit am vorliegenden Buch zu anderen wissenschaftlichen Textgenres?

Der große Unterschied etwa zum wissenschaftlichen Artikel liegt darin, dass ein wissenschaftliches Lehrbuch wie dieses thematisch sehr viel breiter gefächert ist. Bei den meisten Artikeln werden zwei, drei Fragestellungen hergeleitet, die eigenen Ergebnisse vorgestellt und mit bisherigen Forschungsarbeiten verglichen. Dagegen weist dieses Buch als Forschungssynthese eine ganze Palette von bisherigen Erkenntnissen zu ganz unterschiedlichen Themen auf, es spiegelt also den aktuellen Stand der Forschung wieder. Für das Schreiben war dies sehr herausfordernd. Dazu kam die andere Leserschaft, für die das Buch konzipiert ist. Für mich war es eine spannende Aufgabe, die Sprache im Buch so anzupassen, damit es nicht nur für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern auch für die Praxis und für Studierende im Erstsemester gut lesbar und verständlich ist.

Warum sollten Lehramts- oder Psychologie-Studierende diese „Forschungssynthese von bisherigen Erkenntnisse“ unbedingt gelesen haben?

Das Alleinstellungsmerkmal des Buches liegt darin, dass wir als Autoren speziell den Altersbereich im Übergang vom Kindergarten in die Schule thematisieren und Ansätze aufzeigen, wie Kinder dabei besser unterstützt werden können. Ein weiterer Vorteil des Buches ist, dass es den aktuellen Forschungsstand zu dem gesamten Themenkomplex kurz und knapp und hoffentlich auch gut leserlich zusammenfasst.

Unter welchen Umständen wären Sie bereit sich wieder federführend in einem Buchprojekt zu beteiligen?

Wenn man mir versichern könnte, dass die Arbeit am Buch inklusive aller Überarbeitungen nur ein Zeitfenster einiger weniger Monate in Anspruch nehmen würde, was natürlich utopisch ist. Spaß beiseite. Ich werde mich wohl erst dann wieder an ein solches Buchprojekt wagen, wenn ich mit meiner Habilitationsschrift fertig bin.

Das hört sich danach an, dass Sie Ihre Arbeit am Buch ein wenig bereuen …

Strategisch gesehen wäre es für mich damals als Postdoktorand vielleicht besser gewesen, mehr Artikel für meine Habilitation zu schreiben und Drittmittel einzuwerben, anstatt als Erstautor viel Zeit in das Buchprojekt zu investieren. Jedoch ist der Vorteil, dass ich mich durch die intensive Auseinandersetzung in vielen Themenbereichen der Frühen Bildung nun viel besser auskenne als früher. Nein, ich bereue es also nicht.

ehm_jan-henning

Dr. Jan-Henning Ehm ist Habilitand in der Abteilung „Bildung und Entwicklung“ des DIPF. Er arbeitet zurzeit in verschiedenen Forschungsprojekten im Bereich der Entwicklung erfolgreichen Lernens; unter anderem im Projekt PELIKAN – Perspektiven von ErzieherInnen und Leitungskräften zur Implementation kompensatorischer Zusatzförderung an Kindertagesstätten und Systematic Review zur frühen Sprachförderung sowie im Projekt TRIO – Alltagsintegrierte sprachliche Bildung und Sprachförderung in Kleingruppen.

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