„Neue Technologien können die Bildung bereichern“

Lern-Apps, virtuelle Bibliotheken, 3D-Drucker in Schulklassen: In der Diskussion über die digitale Bildung werden viele Möglichkeiten aufgezeigt. Zugleich warnen Fachleute auch vor zu großen Erwartungen und möglichen Risiken, zum Beispiel beim Datenschutz. Informatik-Professor Hendrik Drachsler forscht am DIPF zu diesem Thema. Im Interview legt er dar, was es braucht, um die neuen Techniken sinnvoll und vertrauenswürdig für das Lehren und Lernen nutzen zu können.

Welche Chancen eröffnen digitale Techniken im Bildungsbereich?

Wir können unter anderem leichter mitbekommen, was beim Lehren und Lernen gerade passiert. Denn digitale Hilfsmittel übernehmen eine Art Protokollfunktion. Das ist ein großer Fortschritt. Klassenarbeiten geben beispielsweise „nur“ darüber Auskunft, zu welchem Lernergebnis Unterricht am Ende geführt hat. Wenn aber relativ früh aus Daten hervorgeht, dass der Weg dahin – der Lehr-Lern-Prozess – nicht erfolgreich absolviert wird, kann man rechtzeitig eingreifen. Dann können Dozentinnen und Dozenten ihre Seminare zum Beispiel stärker auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Studierenden zuschneiden. Sie können mehr auf deren Vorwissen und Fähigkeiten eingehen oder ihnen andere oder anders aufbereitete Inhalte anbieten.

„Digitale Bildung ist immer dann erfolgreich, wenn sie einen spezifischen Mehrwert zu den Lernzielen leistet oder wenn Lehr-Lern-Prozesse durch sie an Effizienz oder Effektivität gewinnen.“

Sind denn die hohen Erwartungen an die digitale Bildung gerechtfertigt?

Zunächst gilt: Unabhängig von den eingesetzten Mitteln muss Unterricht weiterhin ansprechend und gut strukturiert sein. Die neuen Technologien können die Bildung aber bereichern, wenn sie richtig genutzt werden und Bewährtes nicht einfach ausgetauscht wird. Es wäre zum Beispiel nicht gut, wenn Schulbücher anstatt auf Papier einfach nur auf dem Tablet gelesen würden. Durch diesen reinen Medienaustausch wäre nichts dazugewonnen. Wenn die Schülerinnen und Schüler aber Kommentare hinzufügen können, die von allen anderen in Echtzeit gelesen und reflektiert werden können, sähe das anders aus. Lehrkräfte könnten sogar gezielt ein Schüler-Paar miteinander in den Diskurs bringen. Ein anderes Beispiel für einen sinnvollen Technik-Einsatz: Schulkinder filmen sich gegenseitig bei Sportübungen und nutzen diese Aufnahmen zur Reflexion, wie sie ihre Technik verbessern könnten. Digitale Bildung ist also immer dann erfolgreich, wenn sie einen spezifischen Mehrwert zu den Lernzielen leistet oder wenn Lehr-Lern-Prozesse durch sie an Effizienz oder Effektivität gewinnen.

Ist dafür auf Seiten der Schulen und der Lehrenden nicht noch viel zu tun?

Hier würde ich mir wünschen, dass die Politik nicht nach dem Gießkannen-Prinzip verfährt, sondern auf eine nachhaltige Entwicklung achtet. Es reicht nicht, allen Schulen W-Lan, Virtual-Reality-Brillen oder Whiteboards zur Verfügung zu stellen. Die Schulen müssen sie auch effizient betreiben und warten können – und wissen, wie man sie sinnvoll einsetzt. Dafür müssen die Lehrkräfte nachhaltig geschult werden. Eventuellen Vorbehalten könnte man entgegenwirken, indem man den Lehrerinnen und Lehrern die Möglichkeiten verdeutlicht. Es gibt etwa interessante Studien, wonach sich Lehrkräfte sicher waren, allen ihren Schülerinnen und Schülern die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. Mit einem einfachen Sensor konnte man jedoch nachweisen, dass das nicht so ist. Solches Wissen hilft, das eigene Verhalten neu zu bewerten.

Ein Blick über die Grenzen: Wo steht Deutschland im europäischen Vergleich?

Ich habe keinen vollständigen Überblick über alle Entwicklungen in den Bundesländern. Aber so wie ich das wahrnehme, hängen wir bei der digitalen Bildung trotz einiger Leuchtturmprojekte hinter vielen europäischen Staaten hinterher, ganz zu schweigen von den angelsächsischen Ländern. Das mag zum einen daran liegen, dass die Schulen hierzulande weniger autonom agieren können. Zum anderen muss man sich aber fragen, wie ein kleines und finanziell sicher nicht bessergestelltes Land wie Estland bei der technischen Ausstattung der Schulen so weit voraus sein kann, warum dort Kinder Programmieren wie Lesen und Schreiben beigebracht bekommen. Es liegt offenkundig auch an der Priorisierung. Die Digitalisierung ist eine ähnlich einschneidende Entwicklung wie die industrielle Revolution, und Deutschland kann es sich nicht leisten, weiterhin so zögerlich zu agieren.

„Mit seiner Datenschutz-Tradition könnte Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen […]. Das Bildungssystem muss die zukünftigen Bürgerinnen und Bürger darauf vorbereiten, ein mündiger Teil der digitalen Gesellschaft zu werden.“

Wie kann die Forschung dazu beitragen – etwa beim Thema Datenschutz?

Wir können einen kritischen Diskurs fachkundig unterstützen und mit Impulsen voranbringen. Und der Datenschutz ist hierfür ein gutes und wichtiges Beispiel. Bei diesem Thema gibt es in Deutschland, auch historisch bedingt, viele Ängste. Die muss man ernst nehmen. Denn Big Data sollte nicht so eingesetzt werden, wie das teilweise in China passiert. Dort wird Bürgerinnen und Bürger eine Zahl zugewiesen, die ihre gesellschaftliche Reputation ausdrücken soll. Sie wird aus mehreren Datenquellen errechnet und hat reale Konsequenzen. Oder schauen wir in die Niederlande. Dort hing es zeitweise von den Ergebnissen bei nur einem Test ab, auf welche weiterführende Schule Kinder gehen konnten. Und der Test wurde von einem privaten Unternehmen durchgeführt. Das alles wollen wir auf keinen Fall. Daten sollten nur unterstützend verwendet werden, und von Zahlen darf nicht zu viel abhängen.

Mit seiner Datenschutz-Tradition könnte Deutschland hier eine Vorreiterrolle einnehmen, indem wir uns dem Thema offen und proaktiv nähern. Das Bildungssystem muss die zukünftigen Bürgerinnen und Bürger darauf vorbereiten, ein mündiger Teil der digitalen Gesellschaft zu werden. Und wenn es darum geht, wie man reflektiert, vertrauensvoll und transparent mit Daten umgehen sollte und wie Zahlen zu interpretieren sind, ist wissenschaftlicher Rat von einigem Nutzen.

Vertrauensvoller Umgang mit Daten: Geben Sie dafür doch einmal ein Beispiel aus ihrer Arbeit?

Mein besonderer Fokus liegt auf Learning Analytics, also dem Auswerten von Daten aus Bildungsprozessen. Diese Daten können aus einer Klasse, einer Schule oder einem ganzen Land kommen. Dabei spielt Datenschutz immer eine zentrale Rolle. Wir entwickeln etwa zusammen mit der Goethe-Universität Frankfurt ein „Trusted Learning Analytics System“, das die europäischen und hessischen Datenschutzverordnungen vollständig berücksichtigt. Die mit dem System erhobenen Daten – zum Beispiel zu Lernschwierigkeiten – sollen dazu dienen, jedem Einzelnen ein konstruktives Feedback zu geben und ihm so zu helfen, Lernziele zu erreichen. Was wir nicht wollen, ist jemanden an eine Art digitalen Pranger zu stellen. Ziel ist ein humanistischer Umgang mit solchen Systemen, welche die Lernenden in ihrer Weiterentwicklung unterstützen und nicht in Konkurrenz zueinander setzen sollen.

Und wie passt Ihre Forschung zu den weiteren Leistungen des DIPF?

Es gibt viele Anknüpfungspunkte. Am DIPF ist meine Professur im Zentrum für technologiebasiertes Assessment verankert. Das Zentrum entwickelt innovative, von Computern unterstützte Software-Werkzeuge, mit denen sich Lernergebnisse erfassen lassen, zum Beispiel die Kompetenzstände von Jugendlichen. Meine Arbeit, die sich stärker auf den Lernprozess als auf das Ergebnis konzentriert, ergänzt diese Leistungen sehr gut. Denn wenn wir zu einer von Lerntechnologien unterstützten Feedback-Kultur kommen, die den Bildungsprozess effizienter, effektiver und attraktiver gestaltet, könnte am Ende auch ein besseres Bildungsergebnis stehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

drachsler_hendrik

Prof. Dr. Hendrik Drachsler ist seit Mitte 2017 Professor für Informatik mit dem Schwerpunkt Educational Technologies am DIPF und an der Goethe-Universität Frankfurt. Zuvor war er in den Niederlanden als Professor für „Technology-Enhanced Learning“ an der Hochschule Zuyd und als Associate Professor für „Learning Analytics“ an der dortigen Fern-Universität tätig. Der promovierte Informatiker war als Forschungsleiter bereits für mehrere niederländische und EU-weite Projekte verantwortlich. Kontakt: drachsler@dipf.de

Der Beitrag ist zuerst im Magazin „DIPF informiert“ erschienen. Im Schwerpunkt seiner Ausgabe 26 beschäftigt sich das Heft mit der digitalen Bildung und Impulsen aus der Wissenschaft zu dem Thema.

Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Philip Stirm für DIPF.

2 Kommentare zu „„Neue Technologien können die Bildung bereichern“

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