Arbeitsgedächtnis und Stimmung: Kein einfacher Zusammenhang

Nicht immer lassen sich aus Studien der Bildungsforschung leicht ersichtliche Schlüsse ziehen. Das können die Forschenden aus dem Team um Dr. Andreas Neubauer bestätigen. Sie haben untersucht, ob die Leistung des Arbeitsgedächtnisses von Grundschulkindern mit ihrer Stimmung zusammenhängt. Und das Ergebnis fällt differenziert aus. Wie gerade das dem wissenschaftlichen Projekt weiterhilft und welche Rolle Smartphones bei dem Ganzen gespielt haben, erläutert der Psychologe im Gespräch.

Mit schlechter Laune fällt das Lernen schwerer, ist man guter Dinge, geht einem das Pauken leichter von der Hand: Davon würde man landläufig ausgehen. Aber stimmt das überhaupt?

Bezogen auf das Arbeitsgedächtnis, was ja eine wichtige Rolle für das Verarbeiten von Informationen und damit für Lernprozesse übernimmt, muss ich sagen: Nein. Denn wie unsere neue Studie zeigt, lässt sich das nicht verallgemeinern. Demnach gibt es zwar durchaus Kinder, deren Arbeitsgedächtnisleistung mit guter wie mit schlechter Stimmung im Zusammenhang steht. Bei anderen Kindern hängt die Arbeitsgedächtnisleistung dagegen nur mit guter oder nur mit schlechter Stimmung zusammen, während bei wiederum anderen die Gemütslage kaum eine Rolle zu spielen scheint (siehe Grafik).

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Stimmung ist ja meist eine Momentaufnahme: Wie haben Sie das denn festgestellt?

In der Tat, nicht nur die Stimmung, auch die Leistung des Arbeitsgedächtnisses unterliegt im Verlauf eines Tages merklichen Schwankungen. In unserem Projekt UPWIND (siehe unten) wollen wir mehr zu den Zusammenhängen zwischen solchen emotionalen, sozialen und kognitiven Prozessen herausfinden. Für die Untersuchungen nutzen wir eine besondere Methode: das Ambulatory Assessment. Wir statten Kinder mit Smartphones aus, auf denen sie im Alltag mehrmals täglich Fragen beantworten – zum Beispiel zu ihrer Stimmung – und kognitive Leistungstests absolvieren. In der genannten Studie konnten wir so bei 109 Grundschulkindern drei Mal täglich Daten erheben – an 31 Tagen am Stück. Die Ergebnisse haben wir dann mit verschiedenen statistischen Verfahren in Beziehung zueinander gesetzt.

Mit dem Ergebnis, dass der Zusammenhang zwischen Arbeitsgedächtnisleistung und Stimmung von Kind zu Kind ganz unterschiedlich ausfällt. Können Sie diese Befunde überhaupt nutzen?

Auf jeden Fall, sie bringen uns einen erheblichen Schritt weiter. Ein Ziel unseres Vorhabens ist es ja, Fördermethoden zu entwickeln, mit der sich die kognitive Leistungsfähigkeit von Kindern verbessern lässt. Wir wissen nun, dass es zu diesem Zweck nicht pauschal hilft, gute Laune zu unterstützen oder gegen schlechte Stimmung anzugehen. Wenn man solche Maßnahmen aber gezielt einsetzt, je nachdem, wie die Arbeitsgedächtnisleistung eines Kindes auf die momentane Stimmung reagiert, könnten sie durchaus hilfreich sein. Daran arbeiten wir nun.

„Wir wissen nun, dass es nicht pauschal hilft, gute Laune zu unterstützen oder gegen schlechte Stimmung anzugehen.“

Dazu wäre es bestimmt sinnvoll, mehr darüber zu erfahren, warum sich Kinder in dieser Frage unterscheiden. Gib es dazu schon Anhaltspunkte?

Anhand unserer Daten können wir die Frage nach der Ursache für die Unterschiede nicht klären. Wir vermuten, dass ein wichtiger Einflussfaktor sein könnte, wie reizempfindlich Kinder sind. In einem längeren Fachartikel, den wir zu der Studie veröffentlicht haben, diskutieren wir außerdem genetische Faktoren als Möglichkeit. Aber wie gesagt, das müsste noch untersucht werden.

 

Literaturhinweis: Der Fachbeitrag zu der Studie: Neubauer, A. B., Dirk, J. & Schmiedek, F. (2018). Momentary Working Memory Performance Is Coupled with Different Dimensions of Affect for Different Children: A Mixture Model Analysis of Ambulatory Assessment Data. Developmental Psychology, online first

Die Untersuchung wurde im Projekt UPWIND durchgeführt. Es nimmt Zusammenhänge von sozialen, motivationalen und kognitiven Prozessen bei Schülerinnen und Schülern in den Blick. Ein Schwerpunkt liegt dabei darauf, Unterschiede zwischen Kindern herauszuarbeiten, aus denen sich individuelle Fördermaßnahmen ableiten lassen. Die Daten für die Untersuchung stammen aus einem von Dr. Judith Dirk und Prof. Dr. Florian Schmiedek geleiteten Vorgängerprojekt: FLUX – Erfassung kognitiver Leistungsschwankungen im Schulalltag.

Neubauer

 

Dr. Andreas Neubauer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung „Bildung und Entwicklung“ des DIPF. In verschiedenen Arbeiten befasst sich der an der Universität Heidelberg promovierte Psychologe mit der wissenschaftlichen Untersuchung von Unterschieden zwischen Personen in Entwicklungsprozessen, und mit der Frage, welche Bedeutung psychologische Grundbedürfnisse für Wohlbefinden haben.

 


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Philip Stirm für DIPF.