„Das Problem des Lehrkräftemangels ist erkannt“

Derzeit diskutiert die Öffentlichkeit erneut intensiv die nicht ausreichende Anzahl von Lehrkräften. Immer wieder wird dabei angesichts von weitreichenden Prognosen betont, dass sich die Lage noch verschärfen könnte. Professor Dr. Kai Maaz vom DIPF rät bei diesen Diskussionen zu Besonnenheit. Ohne Frage sei die Lage schwierig und der Handlungsbedarf groß, so der Bildungsforscher. Zugleich seien aber entsprechende Maßnahmen bereits auf dem Weg, daher komme es jetzt vor allem auf deren Ausgestaltung an.

Insgesamt, betont Kai Maaz, sei es wichtig, die Situation differenziert zu betrachten:

„Das Problem des Lehrkräftemangels ist von hoher Relevanz. Es steht aber schon seit längerer Zeit auf der Tagesordnung und ist erkannt. Daran ändern auch neue Bevölkerungsvorausberechnungen und die darauf basierenden Prognosen für den Lehrkräftebedarf wenig. Sie sind ein wichtiges Instrument für die Planung des Bedarfs, es ist aber völlig normal, dass sie Schwankungen unterliegen. Auch sollte man die Situation in den einzelnen Bundesländern differenziert betrachten. Denn der Bedarf an Lehrkräften stellt sich teilweise recht unterschiedlich dar.“

Die Maßnahmen, um die Situation zu verbessern, unterteilt der Bildungsforscher nach ihrer zeitlichen Perspektive:

„Kurzfristig reagieren die Bundesländer vor allem, indem sie Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger anwerben – teilweise in sehr großem Ausmaß, auch wenn diese Zahlen ebenfalls variieren. Das ist sicher nicht optimal, aber für den Augenblick das Naheliegende. Es kommt nun darauf an, diese Gruppe vorbereitend und begleitend zu qualifizieren. Langfristig gilt es natürlich, in die Lehrkräfteausbildung zu investieren. Das passiert bereits. Brandenburg schafft zum Beispiel gerade 40 neue Professuren für das Lehramt. Dadurch soll sich die entsprechende Studierendenzahl jährlich um 1.000 erhöhen.“

Entscheidend ist für Maaz, die Entwicklung grundsätzlich besser zu steuern:

„Man sollte aufhören, nur in Zyklen zu denken, und stattdessen stets eine hohe Anzahl von Lehrkräften aus- und fortbilden. Es ist weniger problematisch, zeitweise zu viele Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen zu haben, denn es finden sich auch bei rückläufigen Schülerzahlen und einer personellen Versorgung von über 100 Prozent Wege, die Lehrkräfte pädagogisch kreativ und gewinnbringend einzusetzen. Zugleich zählt nicht allein die Anzahl der Lehrkräfte: Kurz- wie langfristig ist es von maßgeblicher Bedeutung, das pädagogisch tätige Personal bestmöglich zu qualifizieren.“

 

MaazProf. Dr. Kai Maaz ist Direktor der Abteilung Struktur und Steuerung des Bildungswesens des DIPF und Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildungssysteme und Gesellschaft an der Goethe-Universität Frankfurt. Zudem ist er der Sprecher der für den Nationalen Bildungsbericht verantwortlichen Autorengruppe. Schwerpunkte seiner Forschung sind unter anderem Bildungsübergänge, sozio-kulturelle Disparitäten des Bildungserfolgs und Bildungsreformen.

 

Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Kai Maaz für DIPF.