„Unsere Routinen funktionieren nicht mehr, wir brauchen neue Lösungen“

Schließungen, fehlende digitale Möglichkeiten, Abstimmungsprobleme: In der Corona-Krise standen und stehen die Schulen vor gewaltigen Herausforderungen. Wie sie damit umgegangen sind und was wir für die Zukunft daraus lernen können, das möchte die Studie „S-Clever“ wissen, die diesen Fragen in drei deutschsprachigen Ländern nachgeht. Drei ehemalige DIPF-Kolleg*innen aus dem Leitungsteam der Untersuchung erläutern uns im Gespräch, wie sie vorgehen und wie die Schulpraxis von dieser Arbeit profitieren soll.

Die Covid-19-Pandemie hat den Schulalltag und die Arbeit der Lehrkräfte stark verändert. Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Herausforderungen, vor denen die Schulen standen beziehungsweise noch stehen?

Prof. Dr. Nina Jude: Zu Beginn der Pandemie war es für die Schulen eine zentrale Herausforderung, von jetzt auf gleich von einem ausschließlichen Präsenzunterricht auf einen Unterricht aus der Distanz umzustellen. Eine große Rolle spielte hierbei die Digitalisierung. Dabei ging es besonders um die Vorerfahrungen der Lehrkräfte und die Ressourcen der Schulen. Über welche Erfahrungen und Kompetenzen zum Einsatz digitaler Medien im Unterricht verfügen die Lehrpersonen? Hatte die Schule bereits vor der Pandemie digitale Endgeräte für Schüler*innen und eine Lehr-Lern-Plattform, mit der die Lehrpersonen untereinander und vor allem mit den Schüler*innen kommunizieren und auf der sie Aufgaben einstellen können? Das waren Fragen, die sich plötzlich drängend stellten. Und selbst so basale Dinge wie die Verfügbarkeit von Internetzugängen an den Schulen sowie bei den Lehrkräften und den Schüler*innen standen plötzlich auf der Tagesordnung.

Prof. Dr. Falk Radisch: Eine schwierige Aufgabe für einige Schulen war es auch, Schüler*innen aus bildungsfernen Elternhäusern, die zu Hause nur wenig Hilfe erhalten und über eingeschränkte technische Ressourcen verfügen, zu erreichen und zu unterstützen. Aber auch der ländliche Raum hatte in einigen Regionen größere Probleme – vor allem mit der Technik.

Prof. Dr. Tobias Feldhoff: Man sollte auch erwähnen, dass die Abstimmung untereinander für die Schulleitungen und die Lehrpersonen eine zusätzliche Hürde darstellte. Das galt auch für die Frage, wie man Erlasse möglichst kurzfristig umsetzt und an die Schüler*innen und ihre Familien kommuniziert. Seit Beginn des neuen Schuljahres geht es nun auch darum, die Hygienerichtlinien umzusetzen und einzuhalten. Hinzu kommt die kurzfristige Quarantäne von einzelnen Klassen oder Lehrpersonen, was den Schulalltag sicher noch länger begleiten wird.

Hier setzen Sie mit der Studie S-Clever an: Was ist das genaue Ziel des Vorhabens?

Feldhoff: Wir möchten zunächst einmal einen systematischen Überblick über folgende Fragen gewinnen: Welches sind für die Schulen die größten Herausforderungen, inwieweit hängen diese mit ihren Rahmenbedingungen und Vorerfahrungen im Bereich Schulentwicklung und Digitalisierung zusammen und vor allem welche Lösungsstrategien haben die Schulen gewählt, um den Herausforderungen zu begegnen?

Jude: Es lässt sich zeigen, dass sich durch die Krise auch neue Potentiale entwickeln. Nehmen wir mal das Beispiel der Kooperation. Das ist zwar kein neues Thema – genau wie die Digitalisierung – aber die Dimension der Pandemie und der auf allen lastende Druck bewirken im Moment eine Dynamik, wie sie in der deutschen Schullandschaft kaum jemals vorhanden war. Und das zeigt sich eben auch darin, wie schnell und intensiv die Beteiligten nun miteinander kooperieren.

„Es lässt sich zeigen, dass sich durch die Krise auch neue Potentiale entwickeln.“

Radisch: Bei allen Problemen und der enormen Belastung geht es uns auch darum, zu zeigen, dass Schulen beachtlich damit umgehen, und dass es Ansätze gibt, bei denen wir alles daran setzen sollten, diese weiterzuführen. Es schlummern mit Sicherheit kreative und innovative Lösungen für alte Probleme in dem, was Schulen momentan aus dem Boden stampfen. Deshalb bitten wir die Schulen auch, uns ihre Konzepte zu schicken. Im Rahmen unserer Studie sind wir nicht nur an einer Momentaufnahme interessiert, wir möchten die Schulen über ein ganzes Schuljahr hinweg begleiten Wir möchten erfahren, welche Impulse sich neben den Herausforderungen und Schwierigkeiten für die Entwicklung von Schulen ergeben und welche Effekte diese haben. Dazu realisieren wir im Frühjahr 2021 ein Austauschforum zwischen den teilnehmenden Schulen.

Wie gehen Sie genau vor?

Radisch: Wir befragen Schulleiter*innen von allgemeinbildenden Schulen in Deutschland, Österreich und in fünf Deutschschweizer Kantonen zu drei Zeitpunkten: zu Beginn des aktuellen Schuljahres (September bis Oktober 2020), im Frühjahr 2021 zu Beginn und im Sommer 2021 zum Ende des nächsten Schulhalbjahres. Die Schulleiter*innen erhalten von uns einen Link, über den sie direkt zum Onlinefragebogen gelangen. Als Hinweis für die Befragten kann man an dieser Stelle auch noch einmal erwähnen, dass sie, falls Sie bisher keinen Link erhalten haben, sich auf der Seite http://www.s-clever.org melden können und dann ihren persönlichen Link erhalten. An der letzten Erhebung möchten wir auch die Lehrpersonen beteiligen. Zusätzlich analysieren wir die rechtlichen Regelungen und Erlasse in den Bundesländern und Kantonen, um diese mit den Ergebnissen unsere Befragung in Beziehung zu setzen.

Ist denn auch geplant, die Ergebnisse für die Schulpraxis aufzubereiten, so dass Schulleitungen und Lehrkräfte von dieser Forschung profitieren?

Feldhoff: Selbstverständlich sollen die Schulen von unseren Ergebnissen profitieren. In Regionalworkshops werden wir die Konzepte aus den Schulen mit den Schulleitungen, sowie Vertreter*innen der Bildungspolitik und -administration diskutieren. Daraus werden dann zukunftsfähige Maßnahmen abgeleitet. Ich stelle mir als ein Ergebnis Best-Practice-Beispiele vor, die Schulen sich anschauen und dann an ihre individuelle Situation und ihre spezifischen Herausforderungen anpassen können. Um dies zu erreichen, arbeiten wir unter anderem mit der Robert Bosch Stiftung und dem Deutschen Schulpreis zusammen. Die Stiftung fördert S-Clever auch finanziell.

„Ich stelle mir als ein Ergebnis Best-Practice-Beispiele vor, die Schulen sich anschauen und dann an ihre individuelle Situation und ihre spezifischen Herausforderungen anpassen können.“

Nun ist die Studie ja ganz bewusst tri-national in den drei deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz angelegt: Was versprechen Sie sich davon?

Jude: Ganz grundsätzlich ist es so, dass man aus solchen vergleichenden Studien etwas über sich und von anderen lernen kann. Der Vorteil der drei Länder ist, dass es viele Gemeinsamkeiten im Schulbereich gibt – was dessen Gestaltung und Steuerung aber auch die Schulkultur im Allgemeinen angeht. Gleichzeitig gibt es dennoch deutliche Unterschiede, über die wir bereits einiges wissen. Nun gehen wir der Frage nach, ob sich auch beim Umgang mit dieser neuen und großen Herausforderung systematische Unterschiede finden lassen? Die Unterschiede aber auch die großen Gemeinsamkeiten im deutschsprachigen Raum machen die Analyse einfacher. Und gegenüber Ländern mit größeren Unterschieden bei Schulsystem und -kultur fällt es letztlich eben auch leichter, Erfahrungen, die sich in der Praxis bewährt haben, zu übertragen.

Zum Abschluss vielleicht noch ein Satz von jedem von Ihnen mit einem positiven Ausblick: Was glauben Sie, was sich nach der Pandemie an den Schulen verbessert hat?

Radisch: So eine Krise bietet ja auch immer Chancen. Unsere bisherigen Routinen funktionieren nicht mehr, wir brauchen neue Lösungen. Es bietet sich nun die Möglichkeit, einen anderen Blick auf Schule und Unterricht zu bekommen und beides neu zu denken und besser zu machen.

Jude: Ich glaube, das Bewusstsein für Interaktion, Individualität und Qualität von Lernprozessen wird erheblich gestärkt. Oft reflektiert man etwas erst, wenn es plötzlich fehlt.

„Ich glaube, das Bewusstsein für Interaktion, Individualität und Qualität von Lernprozessen wird erheblich gestärkt.“

Feldhoff: Wir merken in der Krise, dass Schnellschüsse schwierig sind und dass wir Verwaltungswege anders gestalten müssen. Viele Schulen haben sich bereits auf den Weg gemacht und integrieren nun digitale Anwendungen und elektronische Ressourcen in ihre Lehr-Lernkonzepte. Eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Offenheit kann hier zu nachhaltigen Innovationen führen.

 

Das Projekt „S-CLEVER – Schulentwicklung vor neuen Herausforderungen“ ist ein von mehreren Institutionen durchgeführtes wissenschaftliches Projekt in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Beteiligt sind neben dem DIPF die Johannes Gutenberg Universität Mainz, die Universität Rostock, die Universität Heidelberg sowie in der Schweiz die Universität Zürich und in Österreich die Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt. Interessierte Schulleitungen können noch bis zum 30. Oktober an der aktuellen Befragung und danach an der zweiten und dritten Befragungen im Frühjahr beziehungsweise im Sommer teilnehmen, melden Sie sich unter www.s-clever.org an und erhalten Sie umgehend Ihren persönlichen Link zum Online-Fragebogen.

Alternativ können Sie können sich auch an folgende E-Mail-Adressen wenden:

Feldhoff_Porträt

 

Tobias Feldhoff ist Professor für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Schulforschung an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz. Er beschäftigt sich vor allem mit Fragen der Schulentwicklung, der Schulqualität und der Steuerung von Schulsystemen.

 

 

Jude_Porträt

 

Nina Jude ist Professorin für Bildungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Nationale und Internationale Bildungsstudien an der Universität Heidelberg. In ihrer Arbeit konzentriert sie sich in erster Linie auf die international vergleichender Bildungsforschung, auf Methoden des Large-Scale-Assessment und die Erfassung von Kontextfaktoren von Bildung.

 

Radisch_Porträt

 

Falk Radisch ist Professor für Schulpädagogik mit den Schwerpunkten Schulforschung und Allgemeine Didaktik an der Universität Rostock. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten gehören institutionelle Aspekten von Bildungsqualität, die Ganztagsschule sowie die Schuleffektivitäts- und Schulentwicklungsforschung.

 

 

Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Philip Stirm für DIPF.