Digitale Ressourcen für die historische Bildungsforschung leichter finden und nutzen

Mit der digitalen Transformation stehen der historischen Forschung große Mengen an digitalen Quellen und neue Forschungsinstrumente zu deren Auswertung zur Verfügung. Das macht es aber auch schwieriger, alles Relevante und Nützliche zu finden. Mit bildungsgeschichte.de gibt es nun eine neue Webseite, die Informationen über diese Ressourcen bündelt und sie so der Forschung und der interessierten Öffentlichkeit leichter zugänglich macht. Im Interview erläutert BBF-Mitarbeiterin Julia Kurig die Vorhaben rund um die neue Plattform.

Frau Kurig, Sie sind seit Dezember 2020 zuständig für die neue Webseite bildungsgeschichte.de. Was sind Ihre Pläne für die Seite?

Zunächst einmal: Die Seite existiert schon. Sie ist im Verlauf des Jahres 2020 von meinen Kolleg*innen an der BBF, Dr. Stefan Cramme, Lars Müller, Dr. Monika Matthes und Kilian Schmidtner, aufgebaut worden und sie hat schon einige interessante Angebote zu bieten. So finden bildungshistorisch Interessierte und Forschende hier bereits differenzierte Informationen zu einigen bildungshistorisch zentralen Wissensressourcen im Netz, außerdem eine Übersicht über bildungshistorische Rezensionen, die bei HSozKult erscheinen. Und bald soll auch das Jahrbuch Historische Bildungsforschung, wenn es in ein Open-Access-E-Journal umgewandelt ist, über die Seite zu finden sein. Meine Aufgabe ist es, das bereits bestehende Angebot auszubauen, weitere Beiträge einzuwerben und die Strukturen der Webseite den Anforderungen der bildungshistorischen Forschenden und Interessierten entsprechend anzupassen. Die Webseite wird dabei von der Mitarbeit und Akzeptanz innerhalb dieser Community leben. Bildungsgeschichte.de soll der zentrale Wegweiser zu entsprechenden digitalen Wissensressourcen werden, ob dies nun Quellensammlungen, Forschungsdaten oder auch Web-Archive sind. Neu hinzukommen soll eine Kolumne, in der aktuelle Entwicklungen, Phänomene und Ereignisse aus bildungshistorischer Perspektive kommentiert oder auch essayistisch behandelt werden.

Auf bildungsgeschichte.de steht die historische Dimension pädagogischer Phänomene und Fragestellungen im Vordergrund. Welche besonderen Chancen und Aufgaben hat diese Reflexion für die pädagogische Forschung?

Bildung und Erziehung als soziale und kulturelle Phänomene haben sich historisch entwickelt. Ob Generationenverhältnisse, Familienstrukturen, pädagogische Berufe oder Schulsysteme – ohne die Berücksichtigung historischer Wandlungsprozesse lassen sich pädagogisch relevante Institutionen, Strukturen oder Prozesse kaum verstehen. Denn diese sind ja nicht am Reißbrett entworfen worden. Man denke zum Beispiel an unser Schulsystem. So, wie es heute existiert, ist es das Ergebnis eines komplexen, von gesellschaftlichen Bedürfnissen, politischen Interventionen und kulturellen Faktoren gesteuerten Entwicklungspfades. Historische Forschung ermöglicht dabei, einen gewissen Abstand von der Gegenwart zu nehmen. Das ist sehr produktiv, denn es erlaubt, das derzeitige Geschehen als gesamten Prozess besser zu erkennen. Die bildungshistorische Forschung hat sich nicht umsonst in den vergangenen beiden Jahrzehnten sowohl inhaltlich als auch methodisch intensiv weiterentwickelt. Zu beobachten ist gerade in letzter Zeit ein erstarkendes Bedürfnis, pädagogische Fragestellungen und allgemein gesellschaftliche Problemstellungen mittels historischer Reflexion und Kontextualisierung zu bearbeiten.

Was bedeutet Ihrer Ansicht nach Digitalität für die bildungshistorische Forschung, welche Möglichkeiten bietet sie?

Die Digitalität bildungshistorischer Forschung ist, was Kommunikation, Information und Organisation angeht, bereits weit fortgeschritten. Bildungshistorisch Forschende kommunizieren längst auf diesem Weg und informieren sich digital, etwa auf der Webseite der Sektion Historische Bildungsforschung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft und auf Fachportalen wie HSozKult.Sie nutzen Quellen und Literaturbestände, die von Verlagen, Bibliotheken, Archiven und Forschungseinrichtungen online zur Verfügung gestellt werden. Die Arbeit mit elektronischen Publikationen und mit digitalen Quellen wie historischen Texten, Bildern, Filmen oder Objektbeschreibungen ist längst eine Selbstverständlichkeit geworden.

Dass Digitalität allerdings auch neue Möglichkeiten der maschinellen Bearbeitung, Auswertung und Nachnutzung von Daten eröffnet – und damit neue Möglichkeiten für die Formulierung von Forschungsfragen und den Entwurf von Forschungsdesigns –, ist noch zu wenig ins Bewusstsein getreten. Dies aber ist das eigentliche Feld der Digital Humanities, also der digitalen Geisteswissenschaften, für die bildungsgeschichte.de ein Baustein der Informationsinfrastruktur sein will. Ein Beispiel dafür ist das Data Paper zum interdisziplinären Projekt zur historischen Entwicklung der Abiturprüfungspraxis und des Abituraufsatzes zwischen 1882 und 1973, in dem ein großes Quellenkorpus an Abituraufsätzen für die Auswertung mit Analyseverfahren und -methoden der Digital Humanities digitalisiert und als angereicherter, maschinenlesbarer Volltext aufbereitet wurde.

Wenn Sie einmal die Digitalisierung der Bildungsgeschichte nehmen, welche Rolle kann bildungsgeschichte.de dabei spielen? Wird es eine Plattform für alle bildungshistorisch Interessierten und Forschenden sein, und wie können sie sich beteiligen?

Bildungsgeschichte.de ist ein Portal von der Community für die Community der bildungshistorisch Interessierten und Forschenden. Die BBF übernimmt dabei die redaktionelle und technische Betreuung. Das heißt, die Plattform selbst wird von der Mitarbeit und Beteiligung dieser Zielgruppe leben. Angesprochen ist dabei ausdrücklich nicht nur die kleine Gruppe der mit den Methoden der Digital Humanities Forschenden, sondern die Gruppe aller Forscher*innen und Interessierten, die sich mit diesen inhaltlichen Fragen auseinandersetzen.

Gefragt sind auf bildungsgeschichte.de dabei verschiedene Formen von Beiträgen. Ein neues Format wird die angesprochene Bildungshistorische Kolumne sein. Das wird also ein eher niedrigschwelliges Format, das in lange geplanten und eher schwerfälligen Print-Fachzeitschriften bislang keinen Raum hat. Zudem bietet es die Chance, zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu vermitteln. Ideen und Vorschläge aus der Community sind hierfür immer willkommen.

Aber vor allem geht es ja um wissenschaftlich nutzbare Quellen…

Im Zentrum stehen natürlich Informationen zu bildungshistorischen Quellen- und Datenressourcen. Die Seite lehnt sich damit an das Konzept eines Data Journals an. Man kann eine interessante Quellengattung beschreiben, zum Beispiel Biographien oder Schulakten, und deren Vorkommen im Netz. Thema eines Beitrags kann aber auch ein Repositorium sein, also eine Art digitales Archiv für historische Dokumente, das für die Forschung interessant ist, etwa die Beiträge zum digitalen Porträtarchiv DigiPortA oder der Kinder- und Jugendbuchsammlung WegehauptDigital. Möglich sind auch Zusammenstellungen von Quellenbeständen und Datensätzen in einer spezifischen thematischen Perspektive oder – natürlich – Beschreibungen selbst publizierter Forschungsdatensätze oder -corpora, die man bekannt und der Nachnutzung zugänglich machen will. Auch Dokumentationen von Computerschnittstellen und Beschreibungen von Tools beziehungsweise Forschungsumgebungen sind willkommen.

Alle bildungshistorisch interessanten, seriösen, dauerhaft gesicherten und möglichst auch frei zugänglichen Wissensressourcen kommen als Thema für einen Beitrag auf bildungsgeschichte.de in Frage (ausführliche Informationen zum Einreichen von Beiträgen). Zu so einem als „Data Paper“ verfassten Beitrag gehört es auch, den Forschungskontext sowie die Zugangsbedingungen der Daten zu beschreiben und Möglichkeiten der Nachnutzung zu erläutern. Dieses Format der Beschreibung und Analyse von Datenbeständen in fachspezifischer Perspektive ist mittlerweile auch als wissenschaftliche Leistung anerkannt. Das wollen wir natürlich unterstützen, indem die Beiträge unter Creative-Commons-Lizenz gestellt werden und mit einem dauerhaften digitalen Identifikator (DOI) versehen werden.

Zur Interviewpartnerin

Dr. Julia Kurig ist seit Dezember 2020 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der BBF | Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF in Berlin und zuständig für die Betreuung und den weiteren Ausbau der Informationsplattform bildungsgeschichte.de. Zugleich ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team der Professur für Ideen- und Diskursgeschichte von Bildung und Erziehung an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr (HSU) in Hamburg. Promoviert hat sie 2014 mit einer Arbeit zum Thema „Bildung für die technische Moderne. Pädagogische Technikdiskurse zwischen den 1920er und 1950er Jahren in Deutschland.“ Neben dem 20. Jahrhundert beschäftigt sie sich auch mit der Bildungsgeschichte früherer Epochen wie der Aufklärung oder dem Renaissance-Humanismus.