Welche Rolle spielt Vorwissen für das Lernen?

Schüler*innen bringen verschiedene Voraussetzungen mit, die sich auch individuell auf ihre Lernerfolge auswirken können. Zu diesen Voraussetzungen zählt das Vorwissen. Es kann das Lernen unterstützen, muss es aber nicht – wie Prof. Dr. Garvin Brod jetzt in einem Beitrag in der Fachzeitschrift „npj | Science of Learning“ dargelegt hat. Wir haben ihn gebeten, uns die zentralen Aussagen des Artikels in einem kurzen Interview zu erläutern. Ein Gespräch über Überzeugungen, Archimedes und Vorhersagen.

Was genau ist mit Vorwissen gemeint?

Unter Vorwissen verstehen wir ganz allgemein gesagt alles Wissen einer Person, das sie in eine Lernsituation mitbringt. Darüber hinaus werden oft Überzeugungen von Personen dazugerechnet. Diese können natürlich auch falsch sein.

Man würde ja meinen, dass es einem Lernenden hilft, wenn er bereits über Wissen verfügt. Kann man das so allgemein sagen?

In den meisten Situationen trifft das vermutlich zu. Allerdings gibt es ein paar Einschränkungen: Wissen muss zum Beispiel aktiviert werden, ansonsten nützt es nichts. Aber auch das aktivierte Vorwissen ist nicht zwangsläufig lernförderlich. Es muss ebenso relevant sein. Und selbst wenn das Vorwissen aktiviert wurde und relevant ist, stellt sich immer noch die Frage, ob es mit dem zu lernenden Wissen übereinstimmt, ob es also kongruent dazu ist. Wenn all diese Bedingungen erfüllt sind, unterstützt Vorwissen das Lernen. Wenn nicht, hilft es dem Lernenden in der Regel nicht oder kann sogar hinderlich für den Lernerfolg sein.

Können Sie das anhand eines Beispiels etwas näher erläutern?

Nehmen wir eine Unterrichtseinheit über das archimedische Prinzip der Wasserverdrängung. Um hierfür vorhandenes Vorwissen zu aktivieren, fragt die Lehrkraft die Kinder beispielsweise zunächst, ob sie beobachtet haben, was mit dem Wasser in ihrer Badewanne zu Hause passiert, wenn sie oder ihre Geschwister hineinsteigen. Haben die Kinder dem bislang weniger Aufmerksamkeit geschenkt, ist kein aktivierbares Vorwissen vorhanden und es kann daher das Lernen nicht unterstützen.

Wenn nun Vorwissen vorhanden und aktiviert ist, kann es für das Verständnis des Konzepts der Wasserverdrängung mehr oder weniger relevant sein. Zum Beispiel könnte jetzt ein Schüler darüber nachdenken, wie viel Spaß es macht zu baden. Dieses Wissen hat für das Verständnis des Konzepts der Wasserverdrängung keinerlei Relevanz und damit keinen lernförderlichen Effekt. Eine andere Schülerin denkt dagegen darüber nach, dass das Wasser in ihrer Badewanne stärker ansteigt, wenn sie einsteigt, als wenn sich ihre jüngere Schwester hineinsetzt. Ihr aktiviertes Wissen ist relevant für das Verständnis des Konzepts der Wasserverdrängung.

Nun demonstriert die Lehrkraft das Prinzip, indem sie eine größere Kugel aus Holz und eine kleinere, aber schwerere Kugel aus Blei in Wasser eintaucht. Es zeigt sich, dass das Wasser bei der Holzkugel stärker ansteigt – dass demnach das Volumen entscheidend ist, nicht die Masse. Ist die Schülerin auch davon ausgegangen, dass ihre Schwester weniger Wasser verdrängt, weil sie kleiner ist, so bestätigt die Lektion ihr Vorwissen. Das Vorwissen ist aktiviert, relevant und kongruent – und vertieft so das Lernen. Wenn die Schülerin aber bislang der Meinung war, dass der Unterschied zwischen ihr und ihrer Schwester auf ihr unterschiedliches Gewicht zurückzuführen ist, kann dieses nicht kongruente Vorwissen das Lernen meist nicht unterstützten oder ihm sogar im Weg stehen.

Vorwissen kann unter bestimmten Voraussetzungen beim Lernen helfen, zum Beispiel, um das Prinzip der Wasserverdrängung besser zu verstehen.
Wo sind bei dieser Thematik noch offene Fragen für die Forschung?

Eine Schwierigkeit bei diesen Untersuchungen besteht darin, wie man genau messen soll, dass Vorwissen erfolgreich aktiviert wurde. Es gibt zwar einige durchaus vielversprechende physiologische Indikatoren, zum Beispiel ob sich die Pupille vergrößert, aber diese sind natürlich kein genaues Abbild von Wissensaktivierungsprozessen im Gehirn. Zudem gibt es unterschiedliche Befunde dazu, ob falsche Überzeugungen trotzdem aktiviert werden sollten. Denn einige unserer Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass auch das nicht kongruente Wissen das Lernen unterstützen kann, zum Beispiel wenn die Lernenden Vorhersagen treffen, die sich als falsch herausstellen und sie davon sehr überrascht sind (Anmerkung der Redaktion: In diesem Fachartikel geht Professor Brod detailliert auf dieses Phänomen ein).

Was folgt aus all dem für Lehrkräfte?

Es ist auf jeden Fall hilfreich, potenziell lernförderliches Vorwissen zu aktivieren. Vielfach findet das bereits vorbildlich in den Schulen statt. Das kann zum Beispiel sein, Schülerinnen am Beginn einer Unterrichtseinheit Vermutungen anstellen zu lassen, was bei Fragen zu dem durchgenommenen Stoff die richtigen Lösungen sein könnten. Falsche Vorhersagen sollten die Lehrerinnen dann zeitnah korrigieren. Ein anderer Ansatz wäre, die Schüler*innen eine Concept Map vervollständigen zu lassen. Für eine solche Map zeichnet man verschiedene Ideen und Ansätze zu einer Fragestellung auf ein Blatt Papier oder an die Tafel und setzt sie mit Pfeilen in Beziehung zueinander – eine Art Landkarte von Begriffen und ihren Verbindungen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Dr. Garvin Brod ist Professor für „Psychologie mit dem Schwerpunkt Entwicklung und Förderung“ am DIPF und an der Goethe-Universität Frankfurt. Am DIPF leitet der Psychologe zudem den Arbeitsbereich „Individualisierte Förderung“. Mit Fragen des Vorwissens und seiner Aktivierung befasst er sich an vielen Stellen in seiner Forschung – zum Beispiel in dem von ihm geleiteten Projekt „PREDICT – Vorhersagen generieren als Mittel zur Aktivierung von Vorwissen und zur Steigerung des Lernerfolgs“.

 

 

Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Philip Stirm für DIPF.