Bildungsdaten sinnvoll nutzen: Ein internationaler Blick in die Zukunft

Im März steht Frankfurt am Main im Zeichen von Learning Analytics: Aus allen Teilen der Welt strömen dann wissenschaftliche Expertinnen und Experten für diesen Teilbereich der digitalen Bildung auf den Campus Westend, um sich auf einer Konferenz über entsprechende Weiterentwicklungen und Perspektiven auszutauschen. Prof. Dr. Hendrik Drachsler ist einer der verantwortlichen Organisatoren und musste erst einmal durchatmen, als er erfuhr, dass ihm diese Aufgabe zufällt – wie er uns im Interview verrät.

Vielleicht kurz zum Einstieg: Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff der „Learning Analytics“?

Learning Analytics beschreibt das technikgestützte Messen und Auswerten von Daten aus Lernprozessen. Die Daten fallen beim Nutzen von digitalen Bildungstechniken an. Ziel der Analysen ist es, Schülerinnen und Schüler oder Studierende besser zu fördern – im laufenden Verfahren. Ein Beispiel: Oft erfahren Dozentinnen und Dozenten erst sehr spät, etwa im Rahmen einer Seminararbeit, wie gut die vermittelten Inhalte verstanden wurden. Mithilfe von Learning Analytics kann man schon während des Lernprozesses erkennen, ob es noch Defizite im Wissenserwerb oder im Ablauf der Lernaktivitäten gibt. So ist es leichter, frühzeitig die Methoden anzupassen oder gezielt auf Schwächen einzugehen. Vor allem international hat sich bereits gezeigt, dass diese Technik enorme Möglichkeiten bietet. Allerdings ist es uns sehr wichtig, dass diese Daten nur im Einklang mit den Datenschutzrichtlinien und mit strengen ethischen Maßgaben verwendet werden. Die Technik soll vor allem dem Lernenden dienen.

Nun organisieren Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen von der Goethe-Universität Frankfurt und der TU Darmstadt die zentrale internationale Fachkonferenz zu diesem Thema in Frankfurt am Main. Hand aufs Herz, was waren Ihre ersten Gedanken, als klar war, dass Sie im Jahr 2020 die „Learning Analytics and Knowledge (LAK) Conference“ ausrichten?

Wir waren zunächst total überrascht. Die Organisation der Konferenz wird ja in einem kompetitiven Verfahren vergeben, bei dem verschiedene Universitäten und wissenschaftliche Einrichtungen ihre Konzepte einreichen. Und bei der aktuellen Ausschreibung waren wir die letzten, die noch einen Antrag abgegeben haben. Zudem waren bereits hochwertige Bewerbungen am Start – zum Beispiel eine aus Japan, wo der tägliche gesellschaftliche Umgang mit Technik weiter und Learning Analytics deutlich bekannter ist. Aber offensichtlich konnten wir mit unserem Angebot für den Standort Frankfurt überzeugen. Die Freude war dann natürlich riesengroß, zugleich war uns klar, dass es eine wahre Mammutaufgabe wird. Man könnte das Ganze mit dem Organisieren einer Hochzeit vergleichen, allerdings mit erheblich mehr Festreden, Programmpunkten und Gästen – wir erwarten rund 600 internationale Teilnehmende. Daher haben wir wirklich früh mit den Vorbereitungen angefangen: im Juni 2018. Jetzt kommen wir langsam in die heiße Phase. Aber nicht allein wegen unseres hochmotivierten Teams bin ich mir sicher, dass wir diese Herausforderung bestens meistern werden. Auch ganz persönlich bin ich glücklich und durchaus ein wenig stolz, dass wir es geschafft haben, die Konferenz erstmals nach Deutschland zu holen. Ich kann mich noch gut an die erste LAK erinnern, die ich als junger Doktorand besucht habe. Weil ich der erste war, der sich angemeldet hatte, habe ich seinerzeit ein T-Shirt gewonnen. Für mich schließt sich also ein Kreis – genau wie für die Konferenz, die als zehnte Ausgabe jetzt in Frankfurt Jubiläum feiern wird.

„Man könnte das Ganze mit dem Organisieren einer Hochzeit vergleichen, allerdings mit erheblich mehr Festreden, Programmpunkten und Gästen – wir erwarten rund 600 internationale Teilnehmende.“

Warum ist die LAK für dieses Themenfeld so bedeutend?

Die Konferenz ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, weil sie das Thema aus vielen Perspektiven angeht und sich eine Fülle von wissenschaftlichen Disziplinen einbringen. Die Informatik und die Informationswissenschaft sind natürlich stark vertreten, zugleich aber auch die Psychologie, die Pädagogik und weitere Sozialwissenschaften. Außerdem bringt die LAK Forschende aus der gesamten Welt zusammen – von Australien bis Südamerika. Das ist ein Verdienst der global vernetzten „Society for Learning Analytics Research“, kurz SOLAR, unter deren Dach die Veranstaltung organisiert wird. Die meisten Teilnehmenden kommen in der Regel aus den USA, wo Learning Analytics schon länger eine große Rolle spielt. Als Ganzes stellt aber Europa bereits die zweitgrößte Fachcommunity. Erstmalig werden auch chinesische Expertinnen und Experten teilnehmen, darum haben wir uns sehr bemüht, während Südkorea oder Japan bereits eine ganze Weile gut vertreten sind. Wir sprechen also über ein wahrhaft internationales Forum, das sich darüber austauscht, wie man nutzbringend und vertrauensvoll mit Daten aus dem Bildungssystem umgehen kann.

„Wir sprechen über ein wahrhaft internationales Forum, das sich darüber austauscht, wie man nutzbringend und vertrauensvoll mit Daten aus dem Bildungssystem umgehen kann.“

Gibt es unter den zahlreichen Punkten, die Sie für dieses wissenschaftliche Großereignis organisieren müssen, einen besonders wichtigen?

Man muss in der Tat viele Dinge im Blick behalten, etwa die Raum- und Terminplanung, den Begutachtungsprozess für die Tagungsbeiträge oder das Aufsetzen der Website. Aber der bereits abgeschlossene Call for Papers war ganz sicher ein wichtiger Meilenstein. Zum einen haben wir damit das Gesamtthema der diesjährigen Konferenz – Celebrating 10 years of LAK: Shaping the future of the field – näher erläutert und um entsprechende Beiträge gebeten. Zum anderen waren wir gespannt, wie die Teilnahmequote ausfällt. Man muss wissen, dass die Konferenz alle zwei Jahre in den USA stattfindet, wo das Thema eine ganz andere Zugkraft hat, und wir waren uns nicht sicher, ob wir das hierzulande auch hinbekommen. Das ist uns aber gelungen: Auf den Call haben wir die höchste Einrichtungsquote von Beiträgen erhalten, die es jemals gab. 30 Prozent mehr als zuvor, 350 Full und Short Papers insgesamt.

Könnten Sie das Tagungsthema noch etwas präzisieren?

Einerseits wollen wir auf den wichtigen Beiträgen der vorherigen Konferenzen aufbauen. Da wurden zum Beispiel bereits viele technische Fragen, das Integrieren von Bildungszielen und natürlich ethische und Datenschutzfragen vertieft. Aus letzterem sind einige Verhaltenskodices hervorgegangen und zum Beispiel auch eine klare Abgrenzung der Community gegenüber Firmen, die Learning Analytics vor allem als Geschäftsfeld betrachten. Andererseits wollen wir auf dieser Basis nun die zentralen Entwicklungsmöglichkeiten und Herausforderungen der nächsten zehn Jahre in den Blick nehmen. Es zeichnet sich zum Beispiel schon ab, dass es kulturell bedingt recht unterschiedliche Zugänge zu Learning Analytics gibt. Ich halte es für wichtig, dass diese verschiedenen kulturellen Inseln das Thema spezifisch weiterentwickeln und sich dennoch vernetzen, um gegenseitig von dem erarbeiteten Wissen zu profitieren. Verbindendes Ziel sollte auf jeden Fall sein, dass der Mensch im Mittelpunkt steht.

„Wir wollen nun die zentralen Entwicklungsmöglichkeiten und Herausforderungen der nächsten zehn Jahre in den Blick nehmen.“

Spielt auf so einer wissenschaftlichen Konferenz eigentlich auch der Austausch mit der Schulpraxis eine Rolle?

Auf jeden Fall! Der Anspruch der LAK und der SOLAR ist, auch in die Schulen und in die Hochschulen hinein zu wirken. Ein Teil des Programms ist allein für das Präsentieren und Diskutieren von Anwendungsbeispielen aus der Praxis vorgesehen. Und wir sind wirklich froh, dass wir mit der Unterstützung der Jacobs Foundation einen Workshop für Learning Analytics in der Schule anbieten können. Er richtet sich an Lehrkräfte und Schulleitungen, die auch ohne Erfahrung mit dem Thema teilnehmen können. Der Workshop wird von führenden Forschenden der Community ausgerichtet und ist als Weiterbildungsmaßnahme in allen 16 Bundesländern akkreditiert. 100 Plätze stehen hierfür zur Verfügung. Das ist etwas ganz Besonderes und ein großer Beitrag für den Transfer von der Wissenschaft in die Praxis.

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Prof. Dr. Hendrik Drachsler
ist Professor für Informatik mit dem Schwerpunkt Educational Technologies am DIPF und an der Goethe-Universität Frankfurt. Zuvor war er in den Niederlanden als Professor für „Technology-Enhanced Learning“ an der Hochschule Zuyd und als Associate Professor für „Learning Analytics“ an der dortigen Fern-Universität tätig. Der promovierte Informatiker war als Forschungsleiter bereits für mehrere niederländische und EU-weite Projekte verantwortlich. Kontakt: drachsler@dipf.de

 

Im Blog des Deutschen Bildungsservers erläutert Professor Drachsler noch genauer, was man unter Learning Analytics versteht und wie sie bestmöglich eingesetzt werden können.

Alles zu der 20. „Learning Analytics and Knowledge (LAK) Conference“, vom 23. bis 27. März auf dem Campus Westend in Frankfurt am Main, finden Sie auf der Website der Konferenz.